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Verzeihen Durchlaucht, entgegnete Jean sehr artig, aber nicht minder fest: Der, Herr Baron sind recht leidend nach Hause gekommen und haben mir anbefohlen —
Um so mehr ist meine Pflicht nach ihm zu sehen, erwiderte die Fürstin und siewollte an dem Kammerdiener vorbei, um in das Schlafzimmer ihres Mannes zu dringen ;aber Jean wich nicht von der Stelle. Der Herr Baron bedarf der größten Ruhe. Ichbeschwöre Durchlaucht, ihn nur heute zu schonen; und der schlaue Bursche legte dieHände über seine Brust, eine ängstlich bittende Stellung annehmend.
Entfernen Sie sich von der Thür ich habe die Pflicht und das Recht meinenGemahl aufzusuchen, rief die Fürstin, deren Blut' durch diesen Widerstand noch heißerzu rollen begann.
Barmherzigkeit, Durchlaucht! jammerte der Kammerdiener und warf sich auf dieKniee. Der Herr Baron haben mich für seine Nachtruhe verantwortlich gemacht, undich habe sofortige Entlassung zu fürchten, wenn ich Ihnen den Eintritt gestatte.
Was kümmert mich das! entgegnete die leidenschaftlich erregte Frau laut undheftig. Ich muß meinen Gemahl sprechen, und sie wollte ohne Weiteres über denKnieenden hinwegschreiten, um in das Schlafzimmer des Barons zu dringen.
Blitzschnell war Jean wieder auf seinen Beinen. Verzeihung, Durchlaucht, aberich darf Ihnen zu dieser Stunde nicht den Eingang gestatten, und er pflanzte sich nochängstlicher vor der Thür aus, um ihr den Zutritt zu wehren.
Jetzt verlor die Italienerin den letzten Nest ruhiger Besinnung und vornehmerHaltung. Die kräftige, imposante Frau ergriff den leichten Franzosen und schob ihnmit einem einzigen Ruck bei Seite, während eine ungeduldige Verwünschung in italienischerSprache über ihre Lippen glitt. Dann trat sie rasch und ohne Weiteres in dasZimmer ihres Gatten.
Der Baron mußte wohl die heftigen Debatten gehört und eine Ahnung haben,was ihn erwarte, aber er gab sich das unbefangenste Aussehen. Er war bereits ineinen seidenen Schlafrock geschlüpft, und als jetzt seine Gemahlin hereinstürmte, lag ernachlässig in einem Lehnstuhl und den Rauch seiner Cigarre vor sich hinblasend. Diematte Beleuchtung, in der das Schlafzimmer gehalten war, ließ jetzt den Ausdruck seinerGesichtszttge nicht deutlich erkennen, langsam und schläfrig erhob er die Wimpern undstarrte nur mit vornehmer, gleichgiltiger Verwunderung die Eintretende an.
Gregorio, verzeihe mir, daß ich Dich in dieser Stunde noch aussuche; aber espreßte mir das Herz ab, ich muß Dir sagen, wie Du seit heute wieder leuchtender alsje vor meiner Seele stehst . . .
Sie eilte auf ihn zu und wollte ihn mit der ganzen LiebeSgluth stürmischer Em-pfindungen in ihre Arme schließen.
Ohne ihre zärtliche Absicht zu beachten, lehnte er sich in die weichen Polsternseines Stuhles noch mehr zurück und mit halb geschlossenen Augen fragte er gedehnt infranzösischer Sprache, während sie sich ihrer heimathlichen Laute bedient hatte. Unddeshalb kommen Sie zu dieser Stunde, Madame?
Ah, Gregorio, Du mußt nicht den Blasirten spielen, das steht Dir schlecht an,entgegnete sie mit großer Wärme und sie beugte sich über ihn hinweg und sah ihm mitaller Zärtlichkeit in die Augen. Ich weiß ja doch, daß Du ein großes, edles Herzbesitzest das für denjenigen glühend schlügt, den es einmal geliebt hat. Ja, sieh michimmer verwundert an, fuhr sie immer lebhafter fort, obwohl ihr Gatte sie keines Blickeswürdigte, im Gegentheil die Augen schlaftrunken, noch mehr als bisher zusammenkniffund die größte Ermüdung heuchelte. Doktor Bernard war heut bei mir und von demhab' ich erst erfahren, wie aufopfernd Du Dich gegen Deinen armen Bruder benommen,während Du in übergroßer Bescheidenheit sogar gegen mich das tiefste Stillschweigenbeobachtet hast.
Erst jetzt öffnete der Baron die Augen; aber das begeisterte Lob seiner Gattin ^schien ihm durchaus nicht angenehm zu sein, denn sein blasses, kaltes Antlitz nahm einen