Ausgabe 
(11.8.1880) 12
 
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mir. Ich habe bei diesem schändlichen Menschen dieselbigen traurigen Erfahrungen ge-macht wie Sie.

Wie ich? Madame, lallte der Mann und ergriff krampfhaft ihre Hand. Nein,mich hat er am schändlichsten betrogen. Aber können Sie mir nicht sagen, wo er hin-gereist ist?

Enrichetta gab darauf keine Aytwort. Kommen Sie mein Freund, flüsterte sie ihmzu, da sie bemerkte, daß ihre Unterhaltung mit dem Betrunkenen bereits Aufsehen erregte.Geben Sie mir ihren Arm. Wir haben noch viel miteinander zu plaudern, ohne Weiteresschob sie ihren Arm in den des Fremden und zog ihn mit sich fort.

Der Mann mochte sehr froh sein, daß er plötzlich eine so kräftige Stütze erhielt,denn er ließ sich diese trauliche Annäherung gern gefallen und trotzdem er den unterstenStänden anzugehören schien und noch dazu betrunken war, konnte er den höflichen galantenFranzosen nicht ganz verleugnen. Sie sind sehr liebenswürdig Madame, lallte er über-rascht und suchte dabei nach Möglichkeit seinen Zustand zu verbergen. Also Sie kennenebenfalls den Baron? dann ist es mir ein großes Vergnügen mit Ihnen zu sprechen.

Mir ebenfalls, entgegnete die Italienerin sogleich. Ja, ich kenne Baron Bloom-haus, er hat mich schändlich betrogen und er verdient nicht, daß Jemand für ihn nurdie Hand regt.

Da haben Sie Recht, Madame! Das verdient er nicht. Es ist ganz mein Fall.Ich hätte nicht die Hand für ihn regen sollen.

Sie haben also auch alle Ursache ihn zu verfolgen? fragte Enrichetta weiter.

Ob ich die habe!? Er soll mir 10,000 Francs geben. Ich will sie haben. Dasist eine hübsche, runde Summe. Wozu soll ich länger so dumm sein und mich mit einpaar hundert Francs abfinden lassen? Ich brauch' es nicht, denn ich hab' mir's verdient.Und wenn ich 20,000 Francs forderte, es wäre nicht zu viel.

Bloomhaus ist ja durch den plötzlichen Tod seiner ersten Frau ungeheuer reich ge-worden, und wenn Sie ihm wirklich einen wichtigen Dienst geleistet haben, dann sind10,000 Francs nicht viel, das ist für ihn eine wahre Bagatelle.

Eine Bagatelle! wiederholte der Trunkene. Ganz recht. Und doch hat mich derNichtswürdige darum betrogen, denn er ist nur aus Paris verschwunden, um mir nichtsmehr zu bezahlen. Aber warte,, warte! und er erhob drohend die Faust und murmelteeine Verwünschung vor sich hin.

Das sieht ihm ähnlich, entgegnete Enrichetta sogleich. Ja, lieber Freund, dannsind wir Leidensgefährten und müssen zusammenhalten, denn mir hat der elende Heuchlernoch weit mehr versprochen und schließlich doch nicht Wort gehalten.

Die Reden sowohl wie das Benehmen der Italienerin gewannen immer mehr dasVertrauen des Franzosen . Ich sagte Ihnen schon, Madame, es ist ein Schurke, be-merkte er heftig, und seine Stimme erhielt einen festen Klang.

Dann haben wir Beide das lebhafteste Interesse, ihn zu verfolgen. Verbindenwir uns. Was dem einzelnen nicht glückt, das wird gelingen wenn wir treu zusammen-halten. Geben Sie mir ihr Wort darauf, daß wir von jetzt ab als Freunde gemeinsamhandeln! Sie war stehen geblieben, ihre dunklen Augen funkelten, während sie demFranzosen die Hand hinreichte.

Diese Worte übten ihre Wirkung. Der Trunkene richtete sich in die Höhe, schlugin ihre dargebotene Rechte und rief sogleich: Das ist prächtig! Ja, wir wollen einBündniß schließen, das ist gut.

Dann müssen Sie mir alles sagen, mein Freund. Ich werde Ihnen zu IhremRecht verhelfen, ich allein kann es.

Jetzt blitzten doch die verschmitzten kleinen Augen des Franzosen mißtrauisch überdie Fremde hinweg. Ja, Madame, wer sind Sie denn, fragte er unsicher.

Sie sollen es gleich erfahren und dann werden Sie wissen, daß Sie mir auch dasgrößte Geheimniß anvertrauen können.