Ausgabe 
(11.8.1880) 12
 
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Der Mann betrachtete noch immer zweifelmüthig die Italienerin, die aber schonwieder ihren Arm ergriff und ihn mit fortzog Ich war das Kammermädchen der Fürstin,der ersten Gemahlin des Barons, begann sie rasch und lebhaft. Und damit Sie sehen,daß Sie mir vollkommen vertrauen können, will ich Ihnen sagen, daß ich es war, dieauf Anstiften des Barons die Fürstin vergiftet hat. - .

Erschrocken blieb der Trunkene stehen und jetzt irrten seine Augen voll Entsetzenüber das Gesicht des Mädchens hinweg, die ein solch' furchtbares Bekenntniß mit solcherGelassenheit aussprach und dabei auch nicht die mindeste Erregung zeigte. Er vermochtevor Bestürzung kein Wort hervorzubringen.

Ja, ich sage Ihnen die Wahrheit, fuhr Enrichetta mit gleicher Ruhe fort, unddas mag Ihnen ein Beweis sein, daß Sie mir völlig vertrauen können, denn ich habemich ja ganz in ihre Hände geliefert. Die schlaue Italienerin merkte sogleich, daß demFranzosen der Ausgang der Untersuchung unbekannt war und nun konnte sie dies ge-schickt für ihren Zweck benutzen.

Dies Bekenntniß verfehlte in der That nicht seine Wirkung. Der Rausch desMannes schien ein wenig verflogen, so mächtig war er von diesen Mittheilungen er-schüttert worden. Sie haben seine erste Frau vergiftet? stieß er endlich ganz erschrockenhervor.

Die Italienerin nickte nur mit dem Kopse. Es ist so wie ich sage, der Baron versprach mir, mich zu heirathen, wenn ich der Fürstin das Pulver in den Wein schüttenwollte, das er mir gab, und Sie können sich denken, was es für ein Pulver war, denndie Frau that noch ein paar Athemzüge und dann hatte Sie aufgehört zu leben.

Das ist ja schrecklich.

Sie werden also begreifen, daß Sie mir Alles anvertrauen können, fuhr Enrichettaeifrig fort; denn Sie mögen für den Baron gethan haben, was sie immer wollen, soschlimm kann es nicht gewesen sein. Ich muß meinen Kopf unter das Beil der Guil-lotine legen, wenn Sie mich verrathen. Sie kommen ohne Zweifel mit einigen WochenGefängniß fort, denn es ist jedenfalls ein sehr unbedeutender Dienst, den Sie meinemlieben Baron geleistet haben.

Nun war die Eitelkeit des Französen geweckt. Er konnte doch unmöglich hinterseiner Begleiterin so furchtsam zurückstehen und er entgegnete ungewöhnlich lebhaft: O,so unbedeutend ist die Sache nicht und wenn es an den Tag kommt, find mir ein paarJahre gewiß.

Immerhin eine Bagatelle. Aber erzählen Sie nur, drängte Enrichetta. Es lagin ihrem Wesen etwas, dem der Trunkene weiter keinen Widerstand zu leisten vermochteund so viel klare Besinnung schien er ohnehin noch besitzen, daß die Fremde durch ihreoffene Mittheilung sich ja ebenfalls in seine Hände gegeben habe und es also nicht ge-fährlich sei, sich ihr anzuvertrauen. Dazu mochte der Franzose das Bedürfniß fühlen,einmal Jemand zu haben, gegen den er sein übervolles Herz entlasten konnte, und sobegann er ohne weiteres Zögern. O es ist eine wunderliche Geschichte und Sie werdenes kaum glauben, und es ist dennoch alles die Wahrheit, was ich Ihnen erzählen werde.

Enrichetta unterbrach ihn mit keinem Wort. Sie wußte schon, daß sie damit denMann nur in seinem offenen Bekenntniß stören würde, der auch wirklich nach einer kleinenPause fortfuhr: Erschrecken Sie nur nicht, Madame. Ich bin Todtengräber, müssenSie wissen. Es ist freilich keine angenehme Beschäftigung, aber solche Leute müssen dochauch sein. Die Todten können ja nicht auf der Erde bleiben und da wird man immerLeute brauchen, die sie einscharren. Er hat dabei den Arm aus dem Enrichetta's gezogen,als fühle er^selbst, daß er nach Offenbarung seines Standes nicht mehr das Recht habe,sich von der feinen Dame begleiten zu lassen.

Die Italienerin stutzte nur einen Augenblick, dann ergriff sie ohne Weiteres wiederden Arm des Todtengräbers und sagte mit ruhigem Lächeln: Nun müssen Sie erst rechtmein Freund bleiben. Wer weiß, wie bald ich Sie brauchen werde.