Ausgabe 
(11.8.1880) 12
 
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Ah, sagen Sie das nicht, Madame! rief der Franzose, den dies Auftreten der»Italienerin außerordentlich angenehm berührte. Jetzt war er vollends bereit, sich ihr ganzund gar anzuvertrauen. Eine so schöne Frau darf nicht sobald sterben und seine kleinen,verschmitzten Augen ruhten bewundernd auf dem schmalen, magern Gesicht Enrichetta's,der selbst die Huldigung von einem solchen Manne nicht wenig schmeichelhaft war; den-noch verlor sie ihr eigentlichesgZiel nicht aus den Augen. Nicht wahr, Sie sind auf demKirchhofe von Montparnasse ? fragte sie rasch»

Ja, Madame, war die Antwort.

Und Sie haben durch das Begräbniß der Fürstin Baron Bloomhaus kennen gelernt?

Der Todtengräber nickte mit dem Kopfe. Ich wünschte, ich hätte niemals aufsein Schwatzen gehört und er versprach mir goldene Berge. O, er ist ein schlauerPatron und wußte die Geschichte sehr klug einzufädeln. Nun weiß ich freilich erst, woer damit hinausgewollt hat, obwohl ich schon eine Ahnung'davon hatte, daß es seineeigene Bewandtniß haben mußte.

Ja, der Baron ist ein Teufel! rief die Italienerin erbittert. Ach, er ist gar keinBaron, setzte sie sich verbessernd hinzu.

Was sagen Sie, Madame?! Das wäre ja noch schöner.

Ich weiß es nicht gewiß, ich habe nur meine Vermuthungen, aber erzählen Sienur, was er mit der Leiche seiner Frau getrieben?

Das wissen Sie schon? stotterte der Todtengräber erschrocken.

Enrichetta nickte nur mit dem Kopfe und richtete dann ihre dunklen unruhig fun-kelnden Augen auf ihn, als wollte sie ihn damit auffordern, in seiner Erzählung fort-zufahren und der Mann begann auch wirklich langsam und stockend: Der Baron kam jedenTag auf den Kirchhof und klagte mir, daß ihm der Platz nicht gefalle, wo seine Fraufliege, er wollte eine andere Stelle für sie haben und er bot mir 1000 Francs, wenn ichin nächtlicher Weile den Leichnam ausscharren und mit einem anderen vertauschen wolle.

Ah, nun begreife ich alles! wollte die Italienerin ausrufen; aber sie schwieg, undihr Herz begann stürmischer zu klopfen. Nun wußte sie, warum die Aerzte in der aus-gegrabenen Leiche kein Gift gefunden hatten.

Ich mochte anfangs nichts davon wissen, fuhr der Todtengräber fort, aber derBaron kam jeden Tag und schwatzte immer von Neuem. Er stellte mir die Sache ganzungefährlich und unschuldig dar, ja er erbot sich, mir bei dem nächtlichen Geschäft zuhelfen, damit es rascher gehen solle. Znletzt versprach er mir 5000 Francs und seineewige Dankbarkeit. Was wollen Sie Madame. Man ist doch nur ein schwacher sterb-licher Mensch und ich dachte, die ewige Dankbarkeit eines Barons kann dir nur nützlichsein.

Ganz mein Fall, bestätigte die Italienerin und dieser Zuspruch beruhigte den Mannnoch mehr. Ja, Sie verstehen mich, Madame, sagte er lebhaft und drückte ihren Armfester an sich. Sein Rausch schien beinahe verflogen zu sein. Er hatte mich also endlichso weit bearbeitet, daß ich einwilligte. Nun wollte er nur warten, bis eine Leiche käme,die mit seiner Gemahlin einige Ähnlichkeit habe. Dann sind wir sicher, belehrte ermich. Dem Manne der Verstorbenen könnte doch einmal die Phantasie ankommen, daßer noch einmal seine Frau ausgraben läßt, damit würde schließlich die Geschichte entdeckt.Wenn aber zwischen den beiden Frauen eine gewisse Ähnlichkeit vorhanden, dann wärenwir völlig sicher. Da kam eines Tages die Leiche einer Fleischersgattin und der Baronwar ganz glücklich. In acht Tagen ist zwischen der und meiner Frau kern Unterschiedmehr zu finden, das ist die Rechte, flüsterte er mir zu. Heut Nacht gehen wir an'sWerk. Ich wollte noch einmal Schwierigkeiten machen, aber er drückte mir eine TausendFrancsnote in die Hände. Auf Abschlag sagte er beim Abschied leise und um Mitter-nacht sehen wir uns wieder. Ich konnte seinen Bitten nicht länger widerstehen, man istja doch nur ein armer Sterblicher. Es war freilich eine gefahrvolle Arbeit und diegrößte Vorsicht nöthig, aber wir brachten alles glücklich zu Stande. Ach, mir schaudert