Ausgabe 
(11.8.1880) 12
 
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Natur, in den frischen Morgen hineinzuwandern. Mit leichtem Schaudern betrachtetman die Stelle, wo vor Kurzem ein Wagen hinabgestürzt, dessen Insassen theils todt,theils schwer verwundet heraufgeholt wurden immer von Neuem fragt man sich, wiees möglich sei, so mit dem Menschenleben zu spielen, wie auf den meisten Schweizer -Pässen, wo keine Barriere die Wagen vor der Gefahr des Sturzes bewahrt, währenddoch das reichste Material dazu, Holz und Stein, am Wege verstreut liegt.

Doch auch dieser düstere Schatten wird von der siegreichen Sonne zerstreut, dasHotel de Chatelord, wohin man die Verunglückten gebracht, wird auch glücklich passirt,und nun geht es schnell neuen Schönheiten entgegen. Nach und nach tauchen einzelneTheile der Montblanckette am Horizont auf, der Buet, die wunderlichen Formationender ^.iAuills rouKs, der ^i'Auills vorto, bis plötzlich auf der Höhe über dem DorfsArgentivre ein Bild dem trunkenen Auge sich aufrollt, wie es großartiger, majestätischernicht gedacht werden kann. Zwei mächtige Gletscher, der Glacier du Tour und derGlacier d'Argentiöre, erscheinen auf einmal, dahinter die kollossalen Schneemassendes Bergkönigs, des Montblanc , umgeben von seinen Trabanten, dem GrandMalet, den verschiedenen Aiguilles, Domes und Dents, den grünen Verbergen,die man besteigt, um ihn in der Nähe zu sehen. Dann folgt das wer cke §Irroo, derGlacier du Boissous, bis man das Thal von Chamonix erreicht, in dem die Aussichtweniger ausgedehnt und mehr auf die unmittelbare Umgebung des Montblanc beschränkt ist.

Diese Herrlichkeiten alle ungestört als Gletscherluftgast in langsamen Zügen zuschlürfen, ist wohl die Sehnsucht manches Naturfreundes, fast so schwer erreichbar, wiedas Luftschloß des Kindes das Chokoladenhaus, das man ohne mütterliche Aufsichtganz allein aufessen darf. In beiden Fällen wird das Vergnügen vom grausamenGeschick nur in kargen Portionen zugemessen und doch hat der Pensionär, der Berge-Bummler, weit mehr Chancen des bleibenden Genusses, als der eilige Passant. Studirtdieser krampfhaft den Bädeker, um keinen Moment unbenutzt zu lassen, wirst er sich,noch reisemüde, auf Führer und Maulesel, um recht viel Berge abzuarbeiten und imGefühl des Geleisteten zerschlagen und zerschunden wieder abzureisen, so begnügt sichErsterer damit, in den ersten acht Tagen die Berge vorerst von unten anzusehen. EinsBeschäftigung, die in Chamonix viel reizvoller ist, als auf irgend einem anderen Punktder Erde, da mächtige Teleskope dem neugierigen Auge einen deutlichen Blick in dasHerz der Bergriesen erlauben. Man beeilt sich auch hier, wie anderswo in der Leih-bibliothek, ein Abonnement «aufs Fernrohr^ zu nehmen, und findet die Lektüre im Buchder Natur ebenso amüsant als lehrreich, besonders wenn Alles gut endet, keine Kata-strophe den Schluß stört und sie ihn kriegen den Gipfel des Montblanc nämlich,der Ende Juni zum ersten Mal in dieser Saison bestiegen wurde.

Mit gespannter Theilnahme verfolgt man die Wanderung der kühnen Steigerdurch Schnee und Eis, ihr mühsames Wegbahnen und Emporklimmen. Man jubelt,wenn Kanonenschüsse ihr glückliches Ankommen verkünden, man trauert, wenn widrigeWetter sie kurz vor dem Ziel zur Umkehr zwingen, man freut sich, sie heil und gesundzurückkommen zu sehen, und hat nach all diesen Emotionen fast das Gefühl, selbst obengewesen zu sein.

Ein anderer ebenso harmloser Zeitvertreib des Luftkurgastes ist die Ankunft derDiligence von Genf. Sie ist das täglicheEreigniß" von Chamonix . Wenn man be-denkt, daß dieses Dörfchen aus zwölf Hotels mit Chalets und Dopendences, aus einigenHundert Führern, Kutschern, Portiers und Mülets besteht, so ermißt man leicht, wielebhaft der Heißhunger nach Reisenden ist, die diese gesammte Bevölkerung ernährenmüssen. Mann an Mann stehen sie aufgepflanzt, die Portiers der verschiedenen Häuser in angemessener Entfernung, mit scheinbar gleichgiltiger Miene, die Oberkellner undWirthe und warten ihrer Beute.

Lustig klingelnd, von sechs Pferden gezogen, kommt die Diligence dahergebraust,