Ausgabe 
(11.8.1880) 12
 
Einzelbild herunterladen

95

ein wunderliches Vehikel, den Wagen ähnlich, die wir aus alten Bildern eme heiterefranzösische Gesellschaft ins Freie führen sehen. Blitzschnell ist das Verdeck seiner Passagiereentledigt, das Gepäck vertheilt, und nur ein kleiner Theil der eifrig schreienden Con-cicrgcs für ihre Mühe und Stimmverschwendung belohnt.

Momentan (2. Juli) ist Chamonix noch leer. So schmerzlich das für die Wirthesein mag, so angenehm ist es für die Gäste. Wer wie wir das Glück genoß, einige^ Tage die einzigen Bewohner des vortrefflichen Hotels Royal zu sein, die Freude desDirektors und der Kellner, der Trost des Stubenmädchens und der Stolz des Kochs(und welchen Kochs), der preist die Beharrlichkeit des Regens, der die Besucher von demherrlichen Gebirgsthal fern hielt.

Doch Ehre, dem Ehre gebührt! Auch der zahlreichere Fremdenverkehr, den diespäteren Julitage brachten, konnte Aufmerksamkeit und Komfort nicht schmälern.

Nach wie vor servirte der vor Eifer hochgeröthete Kellner aufs Zierlichste dieMusterprodukte des Küchenchefs (dessen sauoss §snoisos und bösroaisss gleich nebender großen Montblanctour ehrenvolle Erwähnung verdienen), nach wie vor fand der Ober-kellner Zeit, uns die vkroniyus uwntaniers mitzutheilen, vor Allem die Geschichte dertollkühnen Engländerin, die am 9. Januar den Montblanc bestieg, und dieden Herrn»der ihr dabei geholfen", ihren Führer, zum Dank heirathete. LIIv a trouvö sov wariä 1a. xoints ä'uns a,i§uills, meinte mein Tischnachbar, und schlug vor, 14,000 Fußüber dem Meeresspiegel für ähnlichehoch" angelegte Naturen ein Heirathsbureau an-zulegen.

Ob dasselbe trotz der statistisch nachgewiesenen Eheverminderungen fleißigen Zuspruchhätte? Ich glaube, die Meisten (auch wenn sie ihre obligate Hälfte noch nicht in derNiederung gefunden) würden dennoch vorziehen, sich mit minder halsbrechenden Exkur-' sionen zu begnügen, die Flejsre, den Montanvert hinaufzureiten, die Gorge de Diosaz,eine der unbedeutendsten Schluchten der schluchtenreichen Schweiz zu erklimmen unddann die Heimreise nach Genf anzutreten.

Der Weg von Chamonix nach Genf ist, sobald die Montblancketts dem Augeentschwindet, mehr lieblich als wildromantisch, er bildet den Uebergang von schrofferNatur zu zahmer Civilisation. Nach wenigen Stunden raschen Abwärtsfahrens folgtDorf auf Dorf, bis die Räder wieder auf Asphalt rollen, erleuchtete Laden, glänzendeCafs's, klingende Tramways die Nähe der Großstadt verkünden»

Dem stadtentwöhnten Auge macht Genf einen imposanten Eindruck» Die Pracht'vollen Brücken, Quais und Boulevards, die luxuriösen Schaufenster, grünen Parks undaristokratischen Stadtviertel erinnern an Paris . Die Beschreibung seines HauptreizeSjedoch, der in dem Kontrast der großartigen Bergumrahmung zur städtischen Eleganzberuht, muß ich dem Bädeker überlassen. Für uns lüftete sich keinen Moment der dichteNebelschleier, der das Gebirge verhüllte nur das Denkmal des Herzogs von Braun-schweig , von einem Theil der geerbten Millionen erbaut und jedem Kuchenbäcker alSModell empfohlen, wurde in seiner ganzen Geschmacklosigkeit sichtbar. Allerorten sindunter dem goldenen Regen der wunderlichen Erbschaft Früchte der Kunst, des Luxusaufgeblüht (am schönsten in dßn üppig vergoldeten Foyers des neuen Theaters). Nur> Schade, daß man versäumt hat, einen kleinen Theil derselben zu einem Fond für ver-unglückte Reisende zu verwenden, die ungewarnt ins Hotel de BergueS gerathen, wonicht einmal die Luft gratis gereicht zu werden scheint, denn jede Stunde Aufenthaltkostet durchschnittlich zwei Francs. In der Stadt der Philosophen setzt man sich übersolche Bagatelle allerdings mit philosophischer Ruhe hinweg, sollte jedoch diese IdeeAnklang finden und die 80 Millionäre Genfs (siehe Bädeker) sich entschließen, für Reisend^die es erst werden wollen, ein kostenfreies Asyl zu gründen, so wird es gewiß nicht anhilfsbereiten Seelen fehlen, um einer hohen Obrigkeit zu diesem Zweck die passendstenVorschläge zu unterbreiten. (Deutsches Montagsblatt.)