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Die hätte gar nicht nöthig gehabt- so einen aufgeblasenen Burschen vorauszuschicken.Sie konnte uns einfach schreiben, da hätte sie Alles in Ordnung gefunden, meinte derAlte und dampfte dabei behaglich seine Pfeife weiter.
Der Kutscher ließ sich durch diesen Widerspruch nicht beirren, sondern ging miteiner Hast seinen Geschäften nach, als ob der Baron selber hinter ihm stände und ihnantrieb.
Ach, du mein Himmel, brummte der Alte. Das waren früher bessere Zeiten, abernun kommt ein Unterrock ins Schloß, nun werden wir wie die Hasen herumgehetzt werden,— und dennoch rührte er sich selbst bei diesen schrecklichen Gedanken nicht von der Stelle
Auch die Gemüther aller Andern waren durch die nahe Ankunft der neuen Herrinnicht wenig in Aufregung versetzt. Man stritt lebhaft hin und her, ob es nun besseroder schlechter werden würde, und eigenthümlich genug, neigte sich die im Schlosse vor-handene weibliche Dienerschaft dieser letzten Ansicht zu, während der männliche Theilnicht ganz ohne Hoffnung war, daß nun erst ein neues Leben anfangen werde.
Zur bestimmten Stunde stand der Wagen bereit; Iwan stieg mit auf den Bockund das bereits alterthümliche Gefährt rollte davon, die übrige Dienerschaft in der ge-spanntesten Erwartung zurücklassend.
Der Kutscher war ein Leite; er mochte wohl das Schwabenalter erreicht haben,aber er stand bei seinen Kameraden trotzdem im Ruf großer Beschränktheit. Johanivsah sehr gutmüthig und wirklich ziemlich dumm aus; er war jedoch bei Allen wegen seinesHarmlosigkeit beliebt und in seinem Berufe ließ er sich nicht das Mindeste zu Schulden"kommen.
Unterwegs bestürmte der Nosselenker Iwan noch mit einer Menge Fragen überdie künftige Herrin, aber der Kammerdiener gab einsilbige Antworten und sagte nur:Du wirst ja die gnädige Frau bald sehen und kannst Dich dann selber überzeugen, wiesie ist.
Iwan war überhaupt plötzlich ganz verändert. Im Schlöffe hatte er sich äußerstlebhaft und energisch gezeigt, Alles zum Empfang der Baronin sorgfältig angeordnetund überwacht; jetzt saß er schweigsam auf dem Bock, in Nachdenken versunken, aus demihn kaum die lebhaften Fragen Johann's ein wenig aufscheuchen konnten.
Nach zweistündiger Fahrt war der Bahnhof erreicht. Der Kutscher mußte bei seinenPferden bleiben und Iwan eilte in den Wartesalon. Ungeduldig wanderte der Kammer-diener darin auf und ab, von Zeit zu Zeit hinausblickend, ob noch nicht gezogen sei.
Ei was Tausend, Du hier? ließ sich plötzlich hinter ihm eine scharfe Stimme ver-nehmen und ein hochgewachsener alter Herr legte leicht die Hand auf seine Schulter.Iwan blickte sich erschrocken um und starrte nicht ohne Bestürzung in das vornehme Gesichtdes Fragers, eh' er sich zu einer raschen Antwort aufraffen konnte. Ja wohl, ja wohl/Herr Baron , sagte er dann mit einer höflichen Verbeugung.
Du erwartest wohl Deinen Herrn? Was macht mein lieber Freund GregorBloomhaus?
Wissen Sie das noch nicht, Herr Baron, er ist todt, antwortete Iwan mit einemschweren Seufzer, der seine Anhänglichkeit an den verstorbenen Herren beweisen sollte»
Ah, nicht möglich! Seit wann und wo ist er denn gestorben?
Vor drei Monaten in Neapel , war die Antwort.
Hm, das thut mir leid. Gregor war ein guter Kerl, ein bischen wunderlich, aberdoch ein prächtiger Mensch. Da wird sich BloomhauS-Rosenberg schön freuen. Der istplötzlich aus aller Verlegenheit und kann nun noch eine große Herrschaft verjubeln.
Das wird wohl nicht möglich sein. Mein gnädiger Herr hat in: Auslande ge-heiratet und ich erwarte soeben die Frau Baronin. Aber der Zug muß jetzt jedenAugenblick kommen und Sie entschuldigen mich daher wohl, Herr Baron, mit diesenWorten versuchte der Kammerdiener rasch hinauszustürzen, doch der alte Herr hielt ihnenergisch an: Nockärmel fest.