Ausgabe 
(18.8.1880) 14
 
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Halt, ich begleite Dich. Ich muß doch sehen wie die Frau meines jungen Freundesaussieht, ob er einen guten Geschmack gehabt hat?

Werden der Herr Baron darüber nicht den Zug verpaffen? er hält hier nur wenigeMinuten.

Thut nichts, ich kann warten und fahre mit dem nächsten, denn ich bin viel zuneugierig auf die Wittwe meines lieben Gregor und ohne Weiteres schloß sich der alteHerr dem Kammerdiener an und betrat mit ihm zu gleicher Zeit den Perron.

Baron Grciffenthal hatte früher mit Gregor Bloomhaus viel verkehrt, obwohl ihreBesitzungen sehr weit auseinander lagen, aber für die Gutsherren in den Ostseeprovinzcnhaben große Entfernungen wenig zu bedeuten und um einen Abend beim Whist oder inlustiger Unterhaltung zuzubringen, unternimmt man gern halbe Tagreiscn. Greiffcnthalwußte nur, daß sein Freund nach Italien gegangen sei, weiter hatte er nichts von ihmgehört. Zu einem Briefwechsel hatte sich keiner von ihnen aufgeschwungen. Was maninzwischen sah und erlebte, konnte ja bei dem nächsten Widersetzen mitgetheilt werden,das war weit bequemer.

Obwohl der alte Baron dem Kammerdiener gegenüber die Nachricht von dem Ab-leben des jungen Freundes ziemlich leicht nahm, war er davon doch tief erschüttert. Derarme Gregor! Ein so prächtiger, fröhlicher und guter Mensch mußte plötzlich sterben!Warum war er aber in's Ausland gegangen! Er hatte ihm genug davon abgerathen.Was war denn dort in der Fremde zu holen und als ob es nicht in der Heimath vielschöner sei.

Jetzt kam schon der Zug und störte das weitere Nachdenken des Barons, derohnehin nicht dazu neigte. Er nahm gern in seiner heitern, jovialen Weise alle Sachenleicht und spielte unter seinen Bekannten mit Vorliebe den lachenden Philosophen.

Eine junge Dame blickte aus dem Coups erster Klaffe und nickte schon von Weitemdein Kammerdiener freundlich zu, der in ruhiger, ehrfurchtsvoller Haltung seinen Grußerwiderte. Die Dame lehnte sich noch weiter hinaus und öffnete schon den Mund, umIwan etwas zuzurufen, da sagte dieser rasch und mit sehr lauter Stimme: Herr BaronGrciffenthal will sich die Ehre geben, seine Nachbarin, die Frau Baronin hier will-kommen zu heißen und er wies dabei auf den alten Herrn, der sich vor der Fremdenhöflich verbeugte und sie mit seinen hellen gutmüthigen Augen schweigend einige Sekundenmusterte. Er war sehr angenehm überrascht. Daß die Wittwe seines Freundes einesolche Schönheit sein würde, hatte er nicht gedacht. Diese Frau mußte eine Zierdefür die ganze Nachbarschaft werden und in, Umkreise von zehn Meilen allen jungenMännern die Köpfe verdrehen.

Der Baron hatte in ein so feines geistreiches Gesicht, in so prächtige, leuchtendeAugen lange nicht geschaut. Und welch' reizendes, glückliches Lächeln hatte um ihreLippen gespielt! Das war freilich jetzt verschwunden und hatte sogar einem verdrießlichenZuge um ihren Mund Platz gemacht, es war deshalb Zeit, die Schöne durch eine freund-liche Redensart zu versöhnen.

Verzeihen Sie, Frau Baronin, meine Zudringlichkeit, sagte er verbindlich und tratjetzt dicht an das Coups heran, aber ich werde es immer für eine Gunst des Schicksalsansehen, daß ich der Erste bin, der das Glück hatte, Sie in ihrer neuen Heimath be-grüßen zu können. Als alter Freund Ihres verstorbenen Gatten heiße ich Sie herzlichwillkommen, und er reichte ihr mit freundlichem Lächeln die Hand hin.

Die Baronin warf ihrem Kammerdiener heimlich einen vorwurfsvollen Blick zu,der zu sagen schien: Warum hast Du mir diesen alten Herrn mitgebracht? und Iwanzuckle nur die Achseln, er konnte doch nicht in Gegenwart des Barons sagen, daß erdaran unschuldig sei.

Jetzt hatte die Baronin schon ihre Fassung und ihr bezauberndes Lächeln wieder-gewonnen und die derbe große Hand des Barons mit ihren schlanken zierlichen Fingernberührend, sagte sie in französischer Sprache und mit einer Stimme, die außerordentlich