Ausgabe 
(18.8.1880) 14
 
Einzelbild herunterladen

109

einschmeichelnd klang: Verzeihen Sie, mein Herr, ich verstehe noch nicht Deutsch , aber ichwill mich bemühen, es zu lernen.

Baron Greiffenthal bediente sich nun auch der französischen Sprache, obwohl sieihm einige Schwierigkeiten machte: Ach, was werden Sie denn gedacht haben, daß plötzlichein deutsch -russischer Bär so unerwartet auf Sie eindringt?

Wenn alle deutsch -russischen Bären so aussehen, habe ich wenig zu fürchten l ent-gegnete die Baronin scherzend und ihre großen funkelnden Augen blitzten über den altenHerrn hinweg, der davon geschmeichelt, sein glücklichstes Lachen ausstieß.

Wenn Sie mich gleich bei unserer ersten Begegnung mit solch' liebenswürdigerSchmeichelei verwöhnen wollen, dann bin ich verloren, sagte er und seine Blicke ruhtenvoll Entzücken auf der schlanken anmuthigen Gestalt der schönen Frau.

Aber wir dürfen uns hier nicht länger aufhalten, gestatten Sie mir, Sie zu IhremWagen zu begleiten und er bot ihr mit altfränkischer Galanterie den Arm.

(Fortsetzung solgt.)

Girgenti.

Von Alsons v. Rost Horn.

Cesalü, im April 1880.

Rauchende Minen und intensiver Schwefelgeruch, der die Luft erfüllt, lehren uns,daß wir den Süden Siciliens, den Sitz des Schwefelkönigs, erreicht haben. Nur wenigeStationen mehr und wir sind am Ziele unseres von Palermo aus unternommenen Aus-fluges, dem einst mächtigen Akragas, jetzt elenden Orte Girgenti , angelangt. Noch herrschtMonotonie in der Landschaft, die durch keinen Baum angenehm unterbrochen wird.Ueberall ein eigenthümlicher Farbenton: Braun in Braun fast Monochromie zu nennen.Gleichwohl muß man staunen, was die Natur mit einer einzigen Farbe zu malen ver-mag. Ein helleres Gelbbraun oder Rothdunkel markirt zum Theil die einsame Berg-wildniß, und die ganz merkwürdig grotesken, nur durch vulcanische Thätigkeit erklär-baren Felsbildungen, die schönen Bergsormen mit prächtigen Hebungen und Senkungen,welche das Innere Siciliens auszeichnen, treten uns entgegen, wenn wir den pri-mitiven Bahnhof von Girgenti , die vorletzte Station jener Bahn, welche, vor wenigenJahren vollendet, eine direkte Verbindung der Nord- und der Südküste in sechsStunden herstellt, verlassen haben. Eine Viertelstunde scharfen Fahrens wobeiich die in Sicilien herrschende Sitte, die steilsten Partien des Weges in Carriere zunehmen, sowie bei Beginn von Fahrten durch heftiges Peitschengeknall, lautes Schreienund rohes Dreinschlagen auf die bedauernswerthen Pferde möglichst viel Effect hervor-zurufen, nicht unerwähnt lassen will bringt uns auf die Höhe des Camicus hinauf,jenes Berges, dessen Spitze durch Girgenti recht malerisch geschmückt wird. Welch' herr-liches Bild entrollt sich dort oben unsern Augen! Die Schönheit der Landschaft mit ihrertropisch ausgebrannten, doch üppigen Vegetation, im Hintergrund eingefaßt durch dasAegatische Meer, erklärt es sofort, wie Pindar das ehemals hier gelegene Akragas oderAgrigent als die schönste Stadt der Sterblichen besingen konnte.

Doch noch haben wir nicht Zeit, die Schönheiten des Bildes im Einzelnen zustudiren. Durch einfache Gartenanlagen, die mit der Statue des für das alte Agrigentso bedeutungsvollen Philosophen, Arztes und zugleich Herrschers Empedokles geschmücktsind und einen prächtigen Ausblick auf das Meer gestatten, gelangen wir zur Stadt unddurch das östliche Stadtthor, die Porta di Ponte, in die einzige fahrbare Straße der-selben, die Via Atenea. Wir trachten eiligst das Hotel zu erreichen und unser Gepäckabzuladen, um, dann zurückkehrend, das Bild der Landschaft bei Sonnenuntergang mitRuhe von einem höhern Punkte aus genießen zu können. Durch Volksmassen, durch-wegs aus Männern bestehend, deren Lebensprincip das volos kur uisuts, das ewig