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und einzig südliche Nichtsthun, zu sein scheint, durch die in Unter-Italien übliche Mengevon Bettlern bahnen wir uns langsam unsern Weg. Schon zeigt sich hier deutlich jenerTypus, welcher durch die eigenthümliche Gesichtsbildung, den broncefarbenen Teint unddie schwarzen, krausen Haare an den der Nord-Afrikaner mahnt und uns daran erinnert,daß dieses Volk eine Misch-Race aus Spaniern, Sarazenen und Italienern ist. Dochdarf man hier nicht edle Gesichtszüge erwarten, im Gegentheil ist in den Zügen fastdurchwegs nur Nohheit und sittliche Grausamkeit zu lesen und die tiefe Culturstufe er-kennbar, auf der sich dieses arme Volk im Gegensatze zu den meist sehr intelligentenOber-Italienern noch befindet. Nicht bald wird man, wie ich glaube, außer in Spanien und in Griechenland , an einem Orte .eiste ähnliche Fülle von Gaunergesichtern versammeltfinden, als eben in Girgenti und ähnlichen sicilianischen Kleinstädten. Nicht ein einzigesGesicht konnte mir da Vertrauen einstoßen oder eine Sympathie erregen, und einigeFacta aus den letzten Jahren, namentlich der in diesem Frühjahr zur Verhandlunggelangte Proceß Catalfama, waren sehr geeignet, diesen ungünstigen Eindruck zu steigern.Desgleichen konnte ich auch unter dem' schönen Geschlecht trotz aufmerksamer Beobachtungkein einziges nur halbwegs hübsches Gesicht entdecken. Man sieht eben meist nur ganzkleine Mädchen oder altgewordene Weiber im schlechtesten oder engsten Sinne des Wortes.Jener Mädchenflor, welcher unserm Lände sowohl als unsern Städten durch sein frisches,gesundes Aussehen, die unmuthige Gestalt und sein freundliches, liebes Wesen zur Zierdegereicht, scheint hier zu fehlen. Während die Männer, eingehüllt in den wohl etwaskurzen, blauen oder dunkel gefärbten Radmantel (Capuletto genannt), der nach obendirekt in die Kapuze übergeht und nur das von der bereits afrikanischen Sonne ge-bräunte, meist rasirte Antlitz hervorlugen läßt, immerhin einen recht malerischen Anblickgewähren, zeichnen sich die Weiber durch kein eigenthümliches Kleidungsstück aus. Charak-teristisch ist für sie wie für die Männer, nur der crasse Sicilianer-Schmutz. .
Wie in den meisten sicilianischen Kleinstädten, ist allerdings die einzige Hauptstraßeerträglich rein und der erste Eindruck, welchen man beim Eintritt durch dieselbe vonGirgenti gewinnt, kein so schrecklicher. Doch verlange man nimmer zu schauen, was diekleinen Nebengäßchen bergen. Wenn schön die Neugierde ein einfaches Vorübergehen andiesen nicht zuläßt, so wage man sich ja nicht zu weit hinein, um nicht bald entsetzt um-kehren oder sich beim weitern Vordringen mit stoischem Naturforscher-Gleichmuth wappnenzu müssen. Damen, zu deren Haupteigenschaften etwa die Neugierde gehören sollte, sindganz entschieden vor einem solchen Wagniß zu warnen.
Wir haben bald den in Italien obligaten Bummelplatz, den Corso, erreicht, biegenum eine Ecke und stehen vor dem ersten Gasthof Girgentis. Aeußerlich am besten miteiner Strafanstalt zu vergleichen und 'den andern Häusern, die meist ein-, selten zwei-stöckig, sich durch Gleichförmigkeit der Bauart und des Styls, durch Gleichheit der Farbe,Größe, der Dächer und durch eine große Menge von Balconen mit die Fenster ersetzendenGlasthüren auszeichnen, durchaus unähnlich, ist es innerlich ein Labyrinth, ein Gewirrsvon Gängen. Während sonst der Reisende, wenn er nicht gerade sehr vielversprechendaussieht, über zahllose Stufen mit kellnerhaftem Gleichmuth aufwärts geführt zu werdenpflegt, um das durch die allgemeine Stubenmädchen-Einrichtung, die infusoricnreicheWasserflasche und die kostbaren zwei Kerzen „geschmückte" Zimmer angewiesen zu erhalten,muß man hier viele merkwürdige Treppen abwärts steigen, und zwar werden die untersten,der Tiefe nach unsern Kellerwohnungen vergleichbaren Localitäten den Gästen als dieelegantesten angewiesen. Durch das Reisen in der torrg, lblies an alle Unannehmlich-keiten des Wanderlebens gewöhnt, achtet man weder auf die wohlwollende Freundlichkeitdes begleitenden Jünglings, noch auf jene allüberall angebrachten Placate, welche ingedruckter Gemüthsruhe dem Fremdling andeuten, daß seine Werthsachen in dein neuacquirirten Logement wohl nicht am besten aufgehoben seien, indem sie ihm empfehlen,dieselben, falls er sie nicht durch einen Diebstahl oder Raub zu verlieren gedenke, beimBesitzer des Hotels selbst deponiren zu wollen. Man wirft einen Blick nach dem Pla-