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fand, ob er nicht etwa, einem alten Palazzo angehörend, einzufallen drohe, überzeugtsich von der Spcrrbarkeit des Thürschlosses, besieht sich das Bett, ob es nicht, aus Holzverfertigt, eine Brutstätte des einheimischen Ungeziefers aller Art sei, und läßt, da maumit dem Gegebenen doch zufrieden sein muß, das Gepäck herein bringen. Hat manschließlich durch sorgsame Untersuchung sich auch darüber beruhigt, daß die Koffer währenddes Hereintragens nicht aufgebrochen wurden, so entledigt man sich jener zu den Haupt-eigenthümlichkeiten Unter-Italiens gehörenden modernen Erinnpen, der „Facchini", durchZahlen der verdoppelten Taxe mittelst eines tüchtigen Griffes in die beim praktischenReisenden von Centesimi stets strotzende Tasche, die, wenn sie nicht deutscher Schneider-hand ihren Ursprung verdanken würde, in Folge des äußerst zweckmäßigen italienischenKleingeldes schon längst in Fetzen gegangen wäre. „Neoo per In botti^lm" oderIn duona , irmno" sind die jedem Unter-Italien Besuchenden leider nur zu wohl be-kannten Worte, mit welchen man den Facchini zuvorkommen muß, will man sich nicktdurch ihre unablässige Verfolgungswuth von Anfang an den Aufenthalt verbittern lassen.Endlich ist man die Bande losgeworden, die Berufenen sowie die Unberufenen, undschöpft ein wenig Athem. Man ist allein, ohne Begleitung, in Italien eine Seltenheit!Wie wohl thut da das Gefühl des Alleinseins, der Einsamkeit!
Jedoch wir müssen uns aufraffen und eilen zur Stadt hinaus, um das von denletzten Strahlen der Abendsonne erleuchtete Bild der historisch so berühmten Gegend vonder Höhe des Athene-Felsens (ruxs atensa), dem besten Aussichtspunkte in der NäheGirgentis, genießen zu können. Gerade der Porta del Ponte gegenüber ist der Felsin einer starken Viertelstunde ersteigbar; der Weg führt beim ehemaligen KapuzinerkiosterS. Vito vorüber, das jetzt die Gefängnisse enthält, und windet sich durch Oliven- undMandel-Haine hinan. Auf der Spitze befindet sich eine ziemlich große Abplattung, woehedem ein Tempel der Pallas Athene gestanden haben soll. Von dieser hat man dieherrlichsten Ausblicke nach allen Richtungen hin; gegen Norden zu sieht man weit indas Innere Siciliens hinein, gegen Westen auf dem etwas niedrigern Camicus dasheutige Girgenti, das mit seinen glatten Dächern' und der unregelmäßigen Zusammen-stellung der Häuser einen sehr hübschen Anblick gewährt, während sich gegen Süden hinjenes bereits früher erwähnte Bild entrollt, das durch Reinheit der Contouren, Weich-heit des Ganzen und Harmonie von Himmel, Meer und Erde — um mich dieser so schöngewählten Worte Goethe's zu bedienen — überwältigen muß. Zu unsern Füßen breitetstch jene schiefe Hochebene aus, die, ein unregelmäßiges Dreieck bildend, das ehemaligeStadtgebiet umfaßt. Die Basis nach Nord zu bilden die Höhen des Camicus und desAthene -Felsens, seine Seiten die beiden Flüßchen Sän Biagio und Trag» (ehedemAkragas und Hypsa). Es ist ein weiter Abhang, ganz von Gärten und Weinbergenbedeckt, unter deren meist ewigem Grün man kaum den Schutt einer einst so mächtigenStadt vermuthen würde, wenn nicht die weithin bemerkbaren Tempel der Concordia undder Juno Lucina, die schönst erhaltenen Denkmäler griechischer Baukunst in Sicilien,sowie die Ueberreste zahlreicher anderer Tempel und Baulichkeiten und die zahlreich auf-gefundenen Münzen uns dessen versicherten. Hier auf diesem sanften Abhang breitetesich ehedem der neuere Theil von Agrigent aus, nach Plutarch die Neopolis genannt,während der ältere Theil der Stadt mit der Akropolis , auf dem Camicus gelegen, zumTheil denselben Raum einnahm wie das heutige Girgenti. Diese letztere Hochflächefällt gegen Ost und Süd in steilen, als Stadtmauer,: benützten Felswänden zur Küstcn-Ebene ab, welche, braun, öde und ausgebrannt, allmülig gegen das Meer sich senkt undin ihrer ernsten Würde wundervoll mit der erhebenden Einfachheit und Größe jener dieSüdseite der Stadt schmückenden Reihe von dorischen Tempeln übereinstimmt; endlichzum Abschluß des Bildes gegen Süden das Acgntische Meer, in der Ferne begrenztdurch einen langen Nebelstreif, der dem Horizont aufzulagern scheint — die Küß?Afrikas ! Wie phantastisch malt man sich jenen Streifen aus, mit welchen Gestalten be-lebt man denselben, von welchen Gefühlen wird man überwältigt bei dem Gedanken,