Ausgabe 
(21.8.1880) 15
 
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Graf Brückenburg war klüger, berechnender als der Baron ; eine große Welt-erfahrung stand ihm zur Seite, denn er hatte sich sehr früh auf eigenen Füßen umher-getummelt, er konnte zwar nicht immer hindern, daß sein Freund nicht mit vollen Händen dasGeld fortwarf, sobald er im Besitz desselben war, aber er wußte dennoch manche Un-besonnenheit des Barons geschickt zu ordnen und ohne seine kluge Vermittelung würdedie Tante Nosenberg's vielleicht schon längst ihren Neffen aufgegeben und die Hand vonihm zurückgezogen haben.

Brückenburg war es auch, der seinen Freund fortwährend zu bearbeiten suchte,durch eine reiche Partie sich mit einem Schlage aus aller Verlegenheit zu helfen. Bis-her hatte ihm der Freund auf alles Drängen immer lachend zur Antwort gegeben:Warum willst Du nicht selber zu dem Rezept greifen, was Du mir verordnest undder Graf entgegnete dann nur mit ziemlich scharfer Selbsterkenntniß: Ich bin für einsehr reiches, junges Mädchen nicht hübsch und anziehend genug.

Wirklich war Brückenburg keine einnehmende Erscheinung und sein scharfer, kritischerGeist hinderte ihn, bei den Damen den feurigen Anbeter zu spielen. Er sah dort nochimmer Fehler und Schwächen, wo die Andern anbetend in die Knie sanken. Derungewöhnlich magere, lang aufgeschossene junge Mann, mit dem schmalen, raubvogelartigenGesicht, war besonders bei der jungen Damenwelt nicht sehr beliebt. Man fand seinePersönlichkeit komisch und lächerlich und man fürchtete zu gleicher Zeit seine scharfenAugen, denen keine falsche Haarflechte und selbst die feinste Schminke nicht entging undnoch mehr seine scharfe Zunge, die gnadenlos die kleinen Eitelkeiten und Schwächen derguten Gesellschaft verspottete.

Heute war Baron Rosenberg mit dem Grafen nach Bloomhaus wieder einmal zumBesuch gekommen. Die schöne Wittwe hatte ihren lieben Vetter und seinen Freund mitgewohnter Liebenswürdigkeit empfangen, aber sie hatte auch ebenso geschickt wie früher,ihn in angemessener Entfernung zu halten gewußt.

Jetzt wanderten die Freunde allein im Park umher, da die Baronin sie soebenverlassen hatte, weil sie kurz vor Tisch Toilette machen wollte.

Ein herrliches Weib! murmelte der Baron, indem seine feurigen Blicke die schlankeGestalt noch so lange verfolgten, bis sie hinter den Bäumen verschwunden war. Schade,daß sie so wenig von einer Französin an sich hat, Sie ist in ihren Gefühlen eine echtnordische Schönheit.

Eine kalte Polarsonne, spottete der Graf. Aber vielleicht beglückt sie ganz heimlichirgend einen Sterblichen mit ihren wärmsten Strahlen.

Du bleibst ein unverbesserlicher Weiberfeind, Gustav, Deine Stunde wird jedochauch einmal schlagen, entgegnete der Baron. Merkwürdig bleibt es mir freilich, daßselbst meine Cousine auf Dich keinen Eindruck gemacht hat.

Ich bin vernünftig genug, dort nicht anzubeten, wo ich doch kein Gehör finde.

Als ob eine echte unverfälschte Leidenschaft darnach gefragt hätte! rief der Baronlebhaft aus. Ich müßte sie lieben und wenn sie mein Herz noch so grausam mißhandelte;aber ich hoffe doch, daß sie sich endlich von dem Ernst meiner Liebe überzeugen und micherhören wird.

Um die Lippen des Grafen zuckte ein spöttisches Lächeln, als er antwortete: Ichhätte Dir eine solche Hoffnungsfreudigkeit gar nicht zugetraut.

Der Baron blieb stehen und sah seinem Freunde vorwurfsvoll in die Augen.'Nein, Gustav, Du darfst die Sache nicht länger leicht nehmen, sagte er sehr ernst undmit bewegter Stimme. Dies Weib hat es verstanden, Empfindungen zu wecken, die ichnoch nie gekannt habe. Das Glück meines ganzen Lebens hängt an seinem Besitz.

Jetzt verlor sich auch der sarkastische Zug in dem Antlitz des Grafen. Er legtezutraulich seine langen Arme auf des Barons Schultern und erwiderte mit ungewöhn-licher Herzlichkeit: Steht es wirklich so schlimm mit Dir? ,