Ausgabe 
(21.8.1880) 15
 
Einzelbild herunterladen

116

Kannst Du noch fragen? Ich liebe diese Frau so tief und leidenschaftlich, daß ichsie besitzen muß, wenn ich nicht untergehen soll, war die Antwort des Barons.

Graf Brückenburg ließ beinahe erschrocken seine Arme von den Schultern des Freundeslos und sagte niedergeschlagen: Ah, das hatte ich doch nicht von Dir erwartet. DieWittwe Deines Vetters zu heirathen, war ja gar keine üble Idee, nur hielt ich Dichfür alt und klug genug, die Geschichte nicht mit Deinem Herzen, sondern mit DeinemVerstände einzufädeln.

Bei der echten Liebe hört eben alle Berechnung auf und dies verführerisch schöneWeib liebe ich mit einer stürmischen Gluth, wie ich sie als neunzehnjähriger Jünglingnicht empfunden habe.

Dann muß ich Dir dennoch rathen, diese glühenden Gefühle mit aller Gewalt zuunterdrücken, bemerkte der Graf.

Unmöglich! sie werden nur mit meinem Leben enden.

Beide Freunde wanderten im Park weiter, ohne noch ein Wort zu sprechen. Siehatten jetzt eine Moosbank erreicht und Vrückenburg unterbrach plötzlich das Schweigenmit der Frage: Wollen wir uns nicht ein wenig ausruhen? und wie erschöpft ließ ersich auf der Bank nieder. Obwohl der Baron in seiner aufgeregten Stimmung denSpaziergang weit lieber fortgesetzt hätte, folgte er dennoch dem Beispiel des Freundes.

Du bist plötzlich stumm geworden, begann Rosenberg, der das Gespräch über einenGegenstand fortsetzen wollte, der allein seine ganze Seele erfüllte.

Hm, was läßt sich da sagen? erwiderte der Graf. Wenn Du mit unserer schönenWittwe eine Convenienz-Heirath eingegangen wärest, hätte ich ja gar nichts dagegengehabt, aber daß Du sie wirklich liebst, macht mich stutzig und bedenklich.

Was sind da für Bedenken? Sie ist schön, geistreich, und daß sie zufällig die reicheWitte meines Vetters ist, darf mich doch nicht hindern, um ihre Hand zu werben.

Der Graf schwenkte das auf schlankein Halse sitzende kleine Haupt hin und her.Das wäre Alles ganz gut, wenn nur nicht

Du machst mich ungeduldig, mit Deinen wunderlichen Einwürfen, unterbrach ihnder Baron .

Und Du lässest mich ja nicht aussprechen, entgegncte Vrückenburg. Es fällt mirohnehin schwer genug, Dir die Binde pon den Augen zu reißen, aber wenn die Sachsso mit Dir steht, bin ich Dir die Wahrheit schuldig.

Willst Du Dich nur über mich lustig machen und meine Neugier erregen?

Nein, lieber Richard, das will ich nicht, erwiderte der Graf ungewöhnlich ernst undsein so scharfes sarkastisches Gesicht zeigte jetzt einen gutmüthigen, theilnahmvollen Aus-druck. Ich will Dir nur einen Freundschaftsdienst erweisen, selbst wenn Du mir wenigdafür danken kannst.

Der Baron machte eine ungeduldige Bewegung, aber Vrückenburg fuhr ruhig fort:Diese Frau darfst Du nicht aus Liebe heirathen.

Warum nicht? rief Rosenberg aus und wollte in heftiger Erregung aufspringen,doch der Freund hielt ihn zurück; Du hast einen sehr unwürdigen glücklichen Nebenbuhler.

Ach laß die Scherze, Gustav, ich bin wirklich heute dazu nicht aufgelegt.

Es ist durchaus kein Scherz, es - ist die volle Wahrheit, erwiderte der Graf mitgpoßer Entschiedenheit. Sage selbst, ob es sich für den Baron Bloomhaus-Nosenbergschicken würde, wenn er das Herz seiner Dame mit deren Kammerdiener theilen müßte,und diesem dabei noch der weit größere Antheil zufiele?

Ilnsinn! Du machst heute wieder Deine bitteren Späße, nur muß ich Dir offengestehen, daß sie nicht nach meinem Geschmack sind.

Das glaube ich gern. Wann Hütte je die Wahrheit gefallen und noch dazu einemleidenschaftlich Verliebten?

Wenn Du dies weißt, so bitte ich Dich, mich nicht weiter zu kränken, sagte derBaron mit ungewöhnlicher Schärfe.