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ihres Kammerdieners ansichtig wurde. Nun hatte ich einmal eine Fährte entdeckt undbeschloß, sie weiter zu verfolgen. Du machtest der schönen Wittwe den Hof und ichhielt es daher für meine Pflicht, ihrem Verhältniß zu dem Kammerdiener auf den Grundzu kommen. Du wirst freilich die Wege, die ich dazu einschlug, nicht recht passendfinden, aber ich halte es in solchem Falle mit dem Satze: Der Zweck heiligt dieMittel. -
Niemals! warf jetzt der Baron ziemlich heftig dazwischen»
Doch, entgegnete Brückenburg ruhig; sobald es sich um die Ehre und das Lebens-glück eines lieben Freundes handelt und auch bin ich hartgesotten genug, mein kleinesSpionirsystem nicht zu bereuen.
Rosenberg schüttelte bedenklich den Kopf; aber der Graf fuhr in größter Ruhefort: Ich suchte heimlich die Leute der Baronin auszuforschen und da hörte ich freilichdie wunderlichsten Dinge. Der Kutscher besonders ist ein Schlaukopf, wie dumm er sichauch stellt. Dem ist die Sache bereits am Tage der Ankunft sehr sonderbar vorgekommen.Anfangs hatte der Kammerdiener neben ihm auf dem Bocke Platz genommen, weil beider Abfahrt zufällig der Baron Greiffenthal zugegen war, aber nach kurzer Fahrt hatdie gnädige Frau anhalten lassen und befohlen, daß Iwan mit in den Wagen kommensolle, denn sie fürchte sich in der wildfremden Gegend allein zu fahren. Sie habe dasAlles mit dem Kammerdiener französisch besprochen und Iwan ihm dann den Grund er-klärt, warum er der gnädigen Frau Gesellschaft leisten solle. Der Kutscher war kluggenug, über dies Verlangen nicht die-geringste Verwunderung zu zeigen, aber als esein bischen dämmerig geworden, hat er neugierig und vorsichtig etwas in den Wagenhineingeschielt, und deutlich bemerkt, daß die Baronin Iwan geküßt.
Der nichtswürdige Schurke müßte Peitschenhiebe bekommen! rief der Baron vollEmpörung aus.
Iwan? fragte trocken der Graf.
Nein, der Schuft von Kutscher, der seiner Herrin solche Gemeinheiten nachzureden
wagt.
O, die Leute der Baronin erzählen noch ganz andere Dinge, wer nur die Kunstversteht, sie zum Sprechen zu bringen.
Und solchem Bedientengeschwätz kannst Du wirklich nur die geringste Beachtungschenken? fragte der Baron und sah dem Freunde erstaunt in's Auge.
Gewiß, sobald alle Angaben übereinstimmen, antwortete der Graf. Die Leute deiBaronin sind alle empört, denn sie legt vor der Dienerschaft ihren Gefühlen wenigZwang an. Der Bursche freilich ist klüger und vorsichtiger; er sucht Fms Liebesfeuernoch ein Wenig zu verbergen, aber die schöne Wittwe legt bei jeder Gelegenheit dasherzliche Wohlgefallen offen zur Schau, das sie für ihren hübschen Kammerdiener hegt,der bereits im Schlosse und wenn keine Fremden da find, den Herrn spielt. Alle müssenihm blind gehorchen und jeden seiner Befehle ausführen, und wer sein Mißfallen erregt,wird sogleich entlassen.
Bedientenneid, nichts weiter, entgegnete Rosenberg.
Die Baronin ist harmlos und gutmüthig, fuhr der Graf ohne sich durch diesenEinwurf stören zu lassen, fort: Aber sie versteht keinen Spaß, wenn ihrem Kammerdienernur das Geringste widerfährt, dann gerüth sie in den heftigsten Zorn und in die größteAufregung. Ein alter Diener wagte sich über die Willkür Jwan's zu beschweren undanstatt seine gerechten Klagen anzuhören, jagte sie ihn auf der Stelle fort.
Weißt Du, daß diese Klagen gerecht waren.
Du willst nur in Deiner Verblendung all' diese Dinge als harmlos aufnehmen,entgegnete Brückenburg nun doch etwas verdrießlich. Aber was denkst Du darüber,wenn ich Dir sage, daß man den Kammerdiener am frühen Morgen in der Nähe derZimmer der Baronin hat umherschleichen sehen?
Ach, das ist infam!