Ausgabe 
(25.8.1880) 16
 
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Fichten dem Gestirne entgegen, Und Abend für Abend drang aus dein Rosengarten her-aus jenes wundersame Leuchten, das einer Reise werth ist. Ich sage geflissentlich: her-aus, denn es wird von dieser Nubinblendung die Sinnesirrführung bewirkt, die demWolke den Glauben an die Rosen in tiefen Hallen des Felsgebirges eingegeben hat.

Diese Wolkenlosigkeit des winterlichen Etschlandes ist eine bekannte Sache. Ver-schiedene Poeten nennen daher das Land ein sonniges, und das Vorhandensein von Cur-vrten stützt sich auf die Verschlossenheit der himmlischen Schleusen. Rath Kalteneggerin Vrixen , der viele Jahre das Land bewohnt und beobachtet, hat hiefür den treffendenAusdruck der niederschlagsarmen Winterzone ersonnen. Dieselbe erstreckt sichauf das Dreieck vom Ende des Vinstgaues bis zur Brixener Klause und wird durch dieOerrlichkeiten Meran, Bozen, Brixen bezeichnet. Wie es sich begreift, hat eine Mengevon Männern über den Grund nachgedacht, warum der Himmel über einem schmalenLandstreifen knapp am Südabsturze des Centralwalles der Alpen sich seine Heiterkeitnicht stören läßt. Alles Mögliche ist behauptet worden. In so manchem Winter habeich nun auch zugeschaut, mich besonnen und verglichen, wozu häufige Reisen Gelegenheitboten. Ich will deshalb mit meiner eigenen Weisheit nicht zurückhalten und den früherenErklärungsversuchen einen neuen beifügen.

Seit RambertIm xusstion äu I'ödn" erörtert hat, ist sehr viel über dieseLufterscheinung gesprochen worden. Der Föhn ist genau der nämliche Wind, den manin Tirol Scirocco nennt. Diese Bezeichnung hat mit dem Scirocco oder Scilocco, derauf Mittelmeer und Adria so geheißen wird, nichts zu schaffen. Jeder, der beispiels-weise mit venetianischen oder dalmatinischen Schiffern verkehrt hat, weiß, daß sie unterjenem Worte einen Südostwind verstehen. Nun sage ich: so oft in Tirol der Föhn,hierzulande Scirocco genannt, weht, war kurz vorher, zehn bis vierundzwanzig Stundenetwa, an den Küsten Spaniens, Frankreichs , im Canal La Manche, am Strande vonWales und Irland Südweststurm. Nicht ein einzigesmal unter Hunderten von Malen,die ich verglichen habe, war es anders. Dieser Südweststrom erreicht die Alpen , erstaut sich an ihnen und fließt durch ihre Einsattlungen und Pässe ab, und zwar nichtnur gegen Norden, sondern sehr häufig auch gleichzeitig gegen Süden, so daß am Fußeeines Passes auf der Nordseite Südsturm, auf der Südseite Nordsturm sein kann. DerPassatstaub, die Staubmeteors aus Westindien , die so oft erst wieder in Körntenmit unserem sogenannten Scirocco daherflogen, sind eine weitere Stütze der Behauptung,daß unser Scirocco, der sofort Regen oder Schnee im Gefolge hat, ein verschlagenerSüdweststurm, passatischen Ursprungs, ist. Nun nehme man eine Landkarte zur Hand.In ganz Europa findet man keine Gegend, die in der Richtung des Octanten Westsüdwestin gleicher Weise durch reihenweise hinter einander aufgeworfene Bergwälle gleichartigverbarricadirt und verschanzt wäre, wie das Etschland. Da folgen sich nacheinander dielange Mauer der Mendel, die Dolomitmassen der Bocca di Brenta -Berge, die Sulz-berger Hochalpen, Ortler- und Adamello -Gruppe, die Höhen von.Val Camonica, dasVergamasker Gebirge, die Felsmauern des Veltlin, dann weiter nach Piemont undFrankreich hinein die Penninischen und Cottischen Alpen . Ueber all dieses Mauerwerkkommen die Passatwinde zwar hinüber, aber sie werden eben durch dasselbe in einergewissen Höhe gehalten und sinken nicht ins Etschland hinab, sondern gleiten darüber hinoder fließen seitwärts darum herum.

Das Hinfließen nimmt man wahr, wenn man im Winter eine bedeutendere Höheansteigt. Der leichtere und wärmere Strom gleitet über die kalte Luftschicht hinweg,die im Thals stocken bleibt. In Klobenstein und Jenesien ist es im Januar meist wärmerals im Bozener Kessel obwohl, oder vielmehr weil sie um 2800 und 2370 Fuß höherliegen als die Stadt. Ost wird auch von Vrixen oder Bozen aus das Vorhandenseindes feuchtwarmen Luftstromes, der, an den wafserscheidenden Kämmen der hohen Cen-tralkette angekommen, durch niedrige Einsattlungen, insbesondere die des Brenner, gegenNorden abfließt, mit dem Auge gesehen. Man nimmt eine eigenthümlich weißlich ge-