Ausgabe 
(25.8.1880) 16
 
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färbte Dunstmasse gegen Norden wahr. Im Süden des Witralkammes ist ruhige,sonnenerhellte Luft in der gleichen Stunde aber stürmt und wüthet zu Innsbruck dergewaltthätigste Föhn. Auch Schneefälle im Norden der Alpen werfen in den nördlichenHorizont des Etschlandes noch einen eigenthümlichen fahlen Schimmer herüber, der inseiner Weise mit dem bekanntenEisblink" der arktischen Gegenden zu vergleichen sein? mag. Dutzendemal in jedem Winter sieht man triefende oder flockenverwehte Waggonsüber den Brenner herüber ins Etschland kommen, in dem sich seit Wochen keine Wolkegezeigt und kein Wind gerührt hat. Allerdings bekommt man später von diesen Nieder-schlügen noch andere als Augenschein-Kunde. Wenn einige Tage später in Folge derflockigen Niederschlüge im Norden die Luft entsprechend kalt geworden ist, dann gibt eseine eisige Strömung gegen das wärmere Mittelmeerbecken hinab. Dann kommt das,was man in Meran Passeirer Wind nennt.

Ein verwandtes Beispiel liefert das berüchtigte Winterklima Karntens. Die Drau-Ebene um Klagenfurt und Völkermarkt herum wird durch die Gailthaler Alpen undKarawanken gegen südwestliche und südliche Luftströmungen vertheidigt. Solche Strömungenstauen sich an den genannnten Wällen und fließen gegen Norden hinab, ohne das un-mittelbar vor ihnen gelegene Thal zu erreichen. Klagenfurt liegt ebenso im todtenWinkel der Süd-, wie das Etschland in dem der Westwinde. Dagegen fallen eben jeneWinde draußen, weil weiter gegen Norden, auf das Land ein, und so kommt es, daßder Traun- oder Mondsee im Winter zehnmal Thauwetter sieht, bis Klagenfurt einmal.Ebenso verhält es sich mit Südtirol und dem nördlichen Alpenrand. Am letzteren nenntman den FöhnEtschwind" beispielsweise in Partenkirchen, Mittenwald in Bayern .Weil er warm ist, meint das Volk, er komme aus den wärmeren Gegenden deS süd-« lichen Nachbars. Die Leute würden sich wundern, wenn sie dort die an sich kalte, täglichnur in den Sonnenstunden erwärmte, alsbald aber wieder von Frost klirrende Luft ver-spürten, die in strengen Wintern über den Niederungen der Etsch liegt. JenerEtsch-wind" aber ist warm, ob er des Tages oder während der Nacht wehe. Mit einemWorte: der Südwestpassat, der über Südtirol dahingeflossen ist, ohne sich seinen Thälernbemerklich zu machen, hat im Norden den Boden erreicht.

Das ist der Grund der Klarheit und Trockenheit der Zone am Südrande derCentralalpen.

Mit Körnten hat es eine andere Bewandtnis;. Allerdings werden dort dieSüd- und Südwestwinde abgeholtes dafür aber kommen die Polarströmung über dieNiedrigen Dauern, sowie die eisigen Küste von Osten, die Lüfte der pannonischen Con-tinental-Winter, von keinen: Gebirge gehemmt, ungehindert herein. Aus diesen dreiFactoren, wozu man dann noch die dicken Nebel der Flußläufe rechnen mag, kommt dasEndergebniß zusammen: ein Winter, der dem russischen durchaus nichts nachgibt. Klagen-furt ist während dreier oder vier Monate, auch Moskau nicht ausgenommen, eine derkältesten Städte Europas .

Kehren wir zu den Verhältnissen deS Etschlandes zurück.

Ich wage, auf die vorhergegangene Betrachtung mich stützend, eine Behauptung,die wie eine auffallende Sonderbarkeit sich anhört, es aber gar nicht ist. Wir befinden>. uns hier auf dem 46. Breitengrade. Wenn es da sonnenwarm sein soll, so mußes kalt sein. Das heißt: wenn unter Tags die Luft so dunstlos, so rein, durchsichtig,transparent, ohne Wasserblüschcn und unsichtbares Naß sein soll, daß die niedrigstehende Wintersonne durch sie hindurch noch wärmen kann, so muß es am Abend,bei der Nacht, am Morgen, so kalt sein, daß sich eben solche Dünste nicht er-heben und vertheilen können. Beispiele: Die Morgenwärme von Plymouth,Jersey, Finisterre oder Morbihan ist im Winter meist der von Rom und Neapel über-legen. Nun gehe man aber Mittags oder Nachmittags dorthin, so wird man den Felsendes Keltenlandes den Wärmemesser kaum in die Höhe gerückt sehen, man wird eine Luft,ein Gebrodel athmen, wie in einer Waschküche. Der Römer aber, der Morgens schau-