dernd, in seinen schäbigen Mantel gehüllt, vor den Eiszapfen an Fontana di Trevi oderan den Brunnen von Piazza Navona blau angefroren vorübertrippelte, steht des Mittagsan irgend einer Mauer und gibt sich einer Beschäftigung hin, die seine Ahnen aprieLtionannten. Nachts friert er wieder. — Dort aber, an der Atlantis, halten die Dünste,die mit der warmen Meeresströmung kommen, Mittag und Mitternacht den Thermometerauf Linien, die nicht gar weit von einander entfernt sind. Es wird deßhalb den Meisteneinleuchten, daß aus der Angebung der Morgen- oder Abendwärme oder gar dersogenannten „mittleren" Temperatur, bei welcher Alles zusammengezählt und danndurch 24 getheilt wird, für so trockene Länder, in denen keine Dünste Wärmeoder Kälte abschwächen, wo Nachts die Ausstrahlung, Tags die „Besonnung"ungehindert wirken, wo überhaupt die Luft ein viel durchgänglicheres Medium ist,als sonstwo, keine Vorstellung über das Klima eben dieser Gegenden gewonnenwerden kann. Vielleicht wird die Sache am besten dadurch geschildert, daß man sagt,man kann an den meisten Tagen gegen drei Stunden hemdärmelig Schlittschuh laufen.Eis und Staub, kalte Nacht-, Morgen-, Abendstunden, unbeschreiblicher Sonnenglanzum die Culminationszeit des Gestirns herum: das ist die Signatur des etschländischewWinters.
Es ist gesagt worden; daß auch nordwärts der Alpen die Wintersonne wärme,wenn sie scheine. Es gehört aber gar kein Thermometer, keine meteorologische Tabelle,kein Strahlenmesser dazu, sondern blos ein nicht von blauen Brillen oder London -Smoke-,Binocle getäuschtes Auge, um die Helle beispielsweise der Donau -Niederung selbst aneinem wolkenlosen Wintertage von der Sonnenwirkung jenseits der Alpen zu unter-scheiden. Schon dem artistischen Blicke fällt das sofort auf: auf Felsen, auf Gemäuer,in Falten des Gebirges liegt ein Glanz, den die nördlicheren Gegenden nicht kennen.Das ist ganz unleugbar, und vor Allem steht es für Jenen fest, der ungezähltemaleden Brenner überschritten hat, sich also nicht auf die Zufälligkeiten zu verlassen braucht,mit denen ein vereinzelter, gelegentlicher Besuch im Süden unter Umständen den Beobachterirrezuführen vermag.
Wie das Licht wirkt, das wissen nicht nur die Maler, die sehr wohl zwischen denTinten des Dolomitgesteins im Etschland und dem des Salzkammergutes unterscheiden(obwohl Schlorn, Mendel und Rosengarten ganz gleich gefärbt sind wie Höllengebirge,Traunstein oder Trisselwanb), sondern auch diejenigen, die den Pflanzemvuchs beobachten.In einer Orangerie zum Beispiel ist während des Winters die Wärme-Erhaltung zumGedeihen der Bäume keine Schwierigkeit. Wenn diese nur nicht unter ein bis zweiGrade herabgeht, dann genügt es gegen das Absterben. Daher kommt es, daß man inden Bozener Kalthäusern wohl nur in besonders strengen Wintern, wie der heurigeeiner war, öfter einheizen muß. Die während der Tagesstunden eingesammelte und durchdie Focuse in den Glasscheiben verstärkte Wärme genügt sehr häufig, um den Bäumendie Bedingungen ihres Daseins zu geben. Es ist aber ein Unterschied zwischen Fort-kommen und Gedeihen. Man schaue sich die Höhe und Kronenmächtigkeit der Citronen-oder Orangenbäume beispielsweise im Toggenburg'schen Garten zu Bozen an. SolchesGedeihen verdanken sie dem Lichte. Nie wird man in Ländern, wo sich die Sonnswochenlang nicht sehen läßt, gleiche Entwicklung und gleichen Reichthum an Früchtenerzielen.
Uns Culturmenschen ist das Verständniß für die Schönheit und namentlich für dieunschätzbare Ei-nwirkung des Sonnenlichtes auf Nerven und Ganglien fast abhanden ge-kommen. Wir sind zufrieden, wenn wir einen warmen Ofen und Doppelfenster haben,die keine Luft hereinlassen. Unsere Hunde sind hierin anderer Anschauung. Diese ver-lassen den Ofen, er mag so warm sein wie immer, und suchen ein Quadrat von Sonnen-licht auf, welchen: die Scheiben den Eingang verstatten. Für das Sonnenbad, die„Heliosis", haben wir keinen Sinn mehr.
Ich habe bis jetzt nur vom Winter gesprochen und von anderen Jahreszeiten nichts