Ausgabe 
(25.8.1880) 16
 
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gesagt. Und gleichwohl hätte ich doch alle Veranlassung, der ahnungsvollen Herrlichkeitzu gedenken, in der jetzt Berg und Thal dastehen. Nehmen wir als Beispiel einenTag, den 1. März. Dort oben, beim Kvfler in Ceslar, ist die Wiese, die von einemgroßen Lorbeerbäume und einer Pinie beschattet wird, grün geworden. Citronenfalterbewegen sich in der Luft, und Morgens erschallt Vogelgesang. Ein Duft, mit dessenVersinnbildlichung Tinte und Druckerschwärze nichts zu schaffen haben können, zieht sichdurch das weite Thal hinab und verwebt dort tief unten die Völkerscheide, die altelombardische Salurner Klause, in wunderliche, goldglitzernde Dämmerung, und das som-merliche Gewölk an jenen fernen Felshalden ballt sich zu Gestalten zusammen, wie zuRossen, Streitern und Niesen, mit denen die Wilkina-Sage jene herrliche GrenzmarkGermaniens ausstattet. Der Leser mag an der Hand der Zeitung vergleichen. Ebenan diesem Tage, Donnerstag den 4. März, Nachmittags 3 Uhr, zeigt der hundertgradigeWärmemesser in der Bozener Ebene 18.4 im Schatten, 26.3 in der Sonne. Gleich-zeitig aber wird im Norden der erwähnte fahle Schein bemerkt, der auf irgend welcheTrübung, vielleicht Niederschlüge, jenseits der Alpen hindeutet.

Halt inne o Feder! Du könntest Unheil anstiften und zugscheue Gäste herein-locken, verschnupften Gemüthes, mit dumoribug oootis, mit Säften, die der Ofen ver-dickt hat. Und wenn sie alsdann nicht blühende Haine finden, so werden sie dem An-denken deines Herrn fluchen.

Das sei ferne. Im Etschlande ist zur Frühlingszeit das Aufbrechen der Blüthenund das Springen der Blattknospen dem Donauthale vielleicht drei Wochen, ganz gewißaber nicht mehr, voraus. Aehnlich ist es im Herbste mit dem Absterben. April- undMaien-Wochen des Etschlandes bleiben unvergeßlich. Denn auch hier äußert sich meistwieder jene, stürmischein und wetterwendischem Treiben abgeneigte Gleichmäßigkeit desHimmels. Nordische Frühlingsleiden'kommen selten vor.

Für denjenigen, der die Sprache der Zahlen anderen Behauptungen vorzieht, fügeich hier nach der rühmlichen Arbeit des Professors August PoltUeber die Temperaturvon Bozen" einige Angaben bei. Während des Frühlings, zu welcher Zeit die Schwankungenzwischen der eisigen Kälte der Nacht und der Sonnenwärme der Mittagszeit nicht mehrin Betracht kommen können, tritt die sogenannte mittlere Tagestemperatur allmälig wiederin ihr Recht. Und da sehen wir Bozen im März (während 36jähriger Beobachtung)mit 7.4 Grad Celsius bezeichnet. (Montreux 4.9, Comersee 8.3, Pau 8.8.) Im Aprilsteigt die Wärme zum Mittel von 12.8. (Montreux 10.7, Pau 12.1, Comersee 12.2,Mentone 13,5.) Der Mai hat in Bozen ein Mittel von 17. (Montreux 15.7, Lugano 16.3, Nizza 18.)

Man sieht daraus, wie sich der Frühling im Etschlande gestaltet. Hinsichtlichseiner gilt, was vom südlichen Frühlinge überhaupt gesagt werden muß. Es ist eineWahnvorstellung, die von weiß Gott welchen nordeutschen oder schwäbischen Lyrikern derWelt beizubringen versucht worden ist, daß es im Süden keinen Frühling gebe. Er istum ebensoviel herzerfrcuender, duftcrsüllter und berauschender, als seine Sonne glänzenderund seine Blumen bunter sind, als die des Nordens. Der Dichter hat nicht, wie derLübecker Geibel, es nothwendig, seinen Frühlingssang in den Juni hineinzuvertagenoder, wie die Münchener Künstler es oft thun müssen, ihr Lenzfest auf den 40. oder45. Mai zu verlegen. Wer an einem echten etschländischen Frühlingstage etwa nachSchönna, Lebenberg, Eppan gewandert ist, wird mich verstehen.

Nun kommt der Sommer. Der ist italienisch, aber immerhin nicht so lästig, wieihn die Fama und insbesondere die Fama in Tirol selbst macht. Brixen, Obermais ,Eppan können ohne Beschwerde auch im Sommer bewohnt werden. Namentlich Brixen ,vielmehr sein Villen-Vorort Bahrn, erfreut sich meist einer herrlichen Luft. Und dannsind überall oben die Hochflächen des Gebirges mit ihrer wcitschauenden Ansiedelungenvon wundervollem Hauche schneebedeckter Berge gekühlt. Ein Gang oder eine Fahrtvon wenigen Stunden bringt aus dem zu warmen Thale auf die gastliche Höhe.