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dcr in ver Nähe stand, und sagte ebenso laut und befehlend wie Brückenburg: August,hole einmal die Cigarrentasche des Herrn Grafen.
Brückenburg gab seinem Pferde die Sporen und sprengte die Rampe hinauf, sodaß er in der nächsten Sekunde dicht vor dem Kammerdiener hielt: Willst Du Schuftwohl die Tasche selber holen? Oder fühlst Du Dich zu vornehm dazu? Er zeigte dabescheinbar den heftigsten Zorn.
Iwan rührte sich auch jetzt nicht von der Stelle und blickte nur schweigend, mitAugen, aus denen die wildeste Wuth funkelte, zu dem Reiter hinauf; aber die Baronintrat mit hochgcröthetcm Antlitz an Brückenburg heran und mit allen Zeichen der Empörungfragte sie rasch, während ihr Busen heftig wogte: Wie kommen Sie dazu, hier zu be-fehlen, Herr Graf? Das ist ein Uebertreten der Gesetze der Gastfreundschaft, das ichganz unerhört finde.
Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber in Rußland ist man an den unbedingten Ge-horsam von Bedienten gewöhnt und solch' unverschämte Burschen, wie Ihr Iwan, müssenin Ordnung gebracht werden. Eine zarte Frau vermag das selten, gestatten Sie mir,daß ich Sie dabei unterstütze und sich wieder zu Iwan wendend, rief er mit noch stärkererStimme: Was stehst Du noch hier, Tagedieb! Willst Du augenblicklich selber dieTasche holen.
Auch jetzt blieb der Kammerdiener regungslos. Alles Blut war aus seinem Gesichtgewichen, er ballte heimlich die Fäuste, als sei er bereit, sich wie ein wildes, zur Ver-zweiflung gehetztes Thier, auf den Reiter zu werfen. Trotz seiner furchtbaren Aufregungentging ihn: nicht, wie die im Schloß anwesenden Leute der Baronin vergnüglich vorsich hin grinsten und ihm die tiefe Demüthigung von Herzen gönnten und diese Beob-achtung drückte noch schärfere Stacheln in seine Brust.
Du gehst nicht, Bursche!? Dann werde ich Dich dazu zwingen, donnerte der Grafund sich vorn überbcugend, erhob er die Reitpeitsche um sie auf den Rücken des Wider-spenstigen fallen zu lassen. Eh' er noch den Schlag ausführen konnte, war die Baroniirmit einem lauten Schrei vorgestürzt, um Iwan vor einer Mißhandlung zu schützen.
Was wagen Sie, Unverschämter! rief sie außer sich vor Entrüstung. EntfernenSie sich auf der Stelle und lassen Sie sich nie wieder vor meinen Augen sehen! Siestand dabei stolz aufgerichtet da und erhob drohend die Hand.
Ach, Verzeihung, gnädige Frau! Aber ich wollte mich nur überzeugen, ob dasöffentliche Gerücht begründet ist, daß Ihr Bedienter Ihrem Herzen sehr theuer sei. Wieich zu meiner Genugthuung erfahren habe, sagt man von Ihnen nicht zu viel. In dcrThat, Ihr Geschmack macht Ihnen alle Ehre! und Brückenburg wollte sein Pferd wendenund hohnlachend die Rampe hinunter sprengen.
Zu seiner grenzenlosen Ueberraschung übten seine Worte nicht die niederschmetterndeWirkung aus, die er davon erwartet hatte. Nur eine Sekunde stand die Baronin insprachloser Verwirrung da, um sich dann stolz in die Höhe zu richten und wie von einemschnellen Entschlüsse fortgerissen, warf sie sich plötzlich an die Brust ihres Kammerdienersund als ob sie durch dies Bekenntniß selbst von einer furchtbaren Last befreit werde,jubelte sie förmlich hervor: Ja, Herr Graf, Sie haben Recht! und ich bin glücklich, daßich dies treue und warme Herz mein nennen kann!
Frau Baronin, was thun Sie? rief der Kammerdiener erschrocken und suchte sichrasch ihrer Umarmung zu entziehen, aber sie hielt ihn nur um so fester: Iwan, wozusollen wir länger die Komödie aufführen? Mag doch alle Welt endlich erfahren, daßich Dich über alles liebe und Dir mein Herz bis zum letzten Athemzuge gehört! Undsie schmiegte sich mit der ganzen hingebenden Gluth eines liebenden Weibes an ihn an.
Der Graf sah völlig verblüfft auf die Gruppe herab. Das hatte er doch nichterwartet und ging über all' seine Berechnungei: hinaw:>. Seltsam genug, er hatte vonder schönen Wittwe bisher eine sehr geringe Meinung gehabt, jetzt stieg sie plötzlich inseiner Achtung. Das war wenigstens ein Muth der Leidenschaft, der ihm beinahe im->