Ausgabe 
(28.8.1880) 17
 
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ponirte. Mit ganz anderen Empfindungen hatte der Baron dem Austritt beigewohnt,ßr war anfangs ebenfalls empört über das unerhörte Auftreten seines Freundes rtTchschon naher geritten, um in der peinlichen Angelegenheit zu vermitteln; aber als dieBaronin plötzlich, alles vergessend, sich an die Brust ihres Kammerdieners stürzte, da ginges wie ein gewaltiger Riß durch sein Herz. Ja, Vrückenburg hatte Recht, diese Frauwar eines Edelmannes unwürdig, denn sie hatte sich in schamlosester Weise weggeworfen,und damit bewiesen, daß auch die üblen Nachreden ihrer Leute auf voller Wahrheit be-ruhten. Es war alles so unerwartet, so plötzlich geschehen, daß es dem Baron wie einhäßlicher Traum vorkam und er wurde erst durch das Wort des Freundes, der jetzt zuihm heranritt, aus seine»: schmerzlichen Sinnen geweckt.

Sie hat Courage, diese Französin! flüsterte ihm der Graf zu, als er an seinerSeite war. Das hätte ich ihr nicht zugetraut! Ich glaubte, sie würde die Heucheleihartnäckig weiter treiben.

Der Baron antwortete nicht sogleich, sein Herz war zu tief erschüttert. Vorwärts,Richard! fuhr Brückenburg fort. Hier kann unseres Bleibens nicht länger sein. Duweißt fitzt wenigstens, 'daß meine Beobachtungen und Forschungen auf gutem Grundsberuhten. Es war freilich ein etwas plumpes Mittel, aber was thut man nicht einemalten Freunde zu Liebe!

Ach und ich habe sie vergöttert! klagte der Baron leise und dann, als wolle evsich selbst gewaltsam aus seiner sentimentalen Stimmung aufraffen, setzte er seinem Pferdedie Sporen ein, das mit ihm davonflog.

Der Graf hatte Mühe, ihm zu folgen.

Beide wandte:: die Augen nicht mehr nach den: Schloße zurück und ritten eineganze Zeit neben einander her, ein Jeder, seinen eigenen Gedanken nachhängend.

Endlich begann Brückenburg von Neuen:: Weiht Du, was mir bei dem fatalenAuftritte besonders aufgefallen ist?

Nun? fragte Noscnberg einsilbig zurück.

Ich habe die Wittwe Deines Vetters schon immer im Verdacht gehabt, daß sieeine ehemalige Schauspielerin ist, aber jetzt bin ich davon überzeugt.

Wie so?

Als sie mir so entrüstet entgegentrat, und sich dann in die Brust des Geliebtenwarf, geschah das alles mit so theatralischem Aufwande, daß mir unwillkürlich der Ge-danke kam, eine Bühnenkünstlerin, vor mir zu haben.

Möglich, sagte der Baron ziemlich zerstreut.

Nachdem ich diese Ueberzeugnng gewonnen habe, halte ich es doch für nothwendig,ein wenig nach der Vergangenheit der Baronin zu forschen. Wir haben sie Alle, selbstDu, der an: meisten betheiligt ist, in: guten Glauben als die Wittwe Deines Vettershingenommen, ohne nur im' Mindesten nach den Beweisen zu fragen, daß sie diejenigeist, für die sie sich ausgibt.

Erst jetzt wurde Noscnberg aufmerksam. Wir Habei: nur als Edelleute gehandelt,sagte er, den hübsche:: Kopf etwas stolz und selbstbewußt zurückwerfend.

Ganz gut, wo es sich aber um eine so bedeutende Besitzung handelt, wäre wohldie Frage nicht nur erlaubt, sondern auch geboten, ob die betreffende Person wirklichein Recht hat nach einem solch glänzenden Erbe die Hand auszustrecken.

Dein gewohntes Mißtrauen brütet doch die wunderlichsten Vorstellungen aus, be-merkte der Baron, der durch den Eifer, mit den: sein Freund seine Auseinandersetzungenvortrug, :um doch zu größerer Antheilnahme an diesen Erörterungen mit fortgerissenwurde.

Mir erscheinen sie gar nicht so sonderbar, als sie Dir vorkommen mögen, warVrückenburg's trockene Entgegnung.

Bedenke doch, lieber Gustav, wie würde eine völlig unberechtigte Person es wagen,hier als Erbin aufzutreten.