Ausgabe 
(28.8.1880) 17
 
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lehnen sich an die Hecken, indeß die in Reihen gepflanzten Orangen- und ^itronenüäume,schattige Spaziergänge bietend, aus ewig dunklem Laub die goldenen Früchte und herrlichweißen Blüthen hcrvorlugen lassen, so daß ihr Anblick und der balsamische Wohlgerachgleich bczaubern. Leicht begreift man hier, wie dieselben in der Poesie Gegenstand derheißesten Sehnsucht werden konnten.

Zwischen den verschiedenen Reihen von Culturbaumen fallen sofort zwei Fremd-linge aus, die, dem fernen Osten entstammend, vor nicht zu langer Zeit hicher verpflanzt,herrlich gedeihen; es sind dies die Mandarinen, jene bekannte, kleine Apfelsinenart vonfeinem Geschmack, deren erster aus China imvortirter Staunn noch jetzt im botanischenGarten zu Palermo gezeigt wird, und die schnell wachsende, reichlich tragende Wollmiopel(Lluspilns jnponicm). Ein Wald nach unsern Begriffen kommt hier ebensowenig alssonst irgendwo in Sicilien vor; jene Zusammenstellung von Bäumen, wie sie wohl öfterin schmalen Thälern, kleine Complexc umfassend, auftritt, Wald zu nennen, untre für denechten deutschen Wald, den prächtigen und charakteristischen Schmuck unserer Gegenden,eine Beleidigung.

Bei eingehender Betrachtung der Feldarbeit gewinnt man wieder die Ueberzeugungvon der Trägheit und Nachlnsigkeit des dortigen Landmanncs. Da in Sicilien keineigentlicher Bauernstand eristirt, so wäre für das WortLandmann" entwederPächter"oderTaglöhner" zu substituircn. Indeß ein großer Theil des Bodens unbenützt bleibt,ist der Ackerbau selbst in einen: erbärmlichen Zustande. Kein Mensch denkt hier daran,zu düngen. Dieselbe Sorglosigkeit, welche die Leute bei Behandlung ihres Grundeszeigen, legen sie auch mit Bezug auf ihre Wohnhäuser an den Tag, indem sie dieselbenlieber einstürzen lassen, als daß sie sich zu einigen Reparaturen aufrafften. Kurz, Allesist südlich! Damit ist genug gesagt. Man vertraut eben gänzlich auf die Produktions-fähigkeit des Bodens, der ohne Beihilfe des Menschen Alles hervorbringen soll. Manmöchte am liebsten einige Monate hindurch schlafen, um dann zur Erntezeit zu erwachenund plötzlich reich zu sein.

Trotz alledem herrscht hier ein Reichthum an Früchten und Getreide, der mir voneurem Theile der paradiesischen Ostküste Siciliens, der Gegend von Catania , dem ewigenGarten, übertroffcn wird. Zum Export all' dieser Herrlichkeiten dient der 3'7 Kilometervon Girgenti entfernte Hafen, den man von den Tempest: aus gut sehen kann. Durcheinen gegen 2000 Meter langen Molo geschützt und mit einem Leuchtthurm versehen,ehemals Molo di Girgenti, jetzt Porto Empedoclc genannt, besitzt derselbe die liog'iovurioutujo, die größten Korn-Magazine Siciliens, tief in den Fels gehauene Gewölbe.Außer Oliveiröl, Mandeln, Soda und großen Mengen Getreides kommt von hier ausetwa ein Sechstel des sicilianischen Schwefels zur Ausfuhr, der aus den ringsum inGyps und blauem Ton liegenden Schwefel-Minen durch zahllose Esel und Maulthierszur Küste geschafft wird.

In diesen botanisch-landwirthschaftlichen Betrachtungen wurden wir durch den Anblickder plötzlich aus dem Grün der Umgebung auftauchenden Tempel unterbrochen, auf dieuns sodann der von lebhaften Gesten begleitete Ausruf unseres Führers auf gut italienischeArt mit den: nöthigen Spectakel aufmerksam machen wollte, nachdem wir sie längst selbstentdeckt hatten. Und wahrhaftig, wer könnte in Sicilien, der Landesgeschichte kundig,auch nur einige Schritte thun, ohne des großen Zuges der Vergangenheit bewußt zuwerden! Platen hat dieser Stimmung, die just den Deutschen hier beschleicht in seinemHymnus an Sicilien" classischen Ausdruck verliehen.

Gewiß ein großer Anblick! Auf kleinen Plnteaux längs der südlichen Stadtmauerfituirt, erheben sich diese beiden herrlicher: und trotz ihrer 2000 Jahre recht gut erhaltenenBaudenkmäler griechischer Kunst ernst und feierlich. Vor: ihren: Standpunkte die Gegendweithin beherrschend, scheinen sie so angelegt worden zu sein, um den: von: Meere ausanlangenden, vielleicht aus den: Mutterlande Hellas kommenden Fremdling zu imponiren.Der gelbbraune Tuffstein, der, ursprünglich wohl weiß, durch die Einflüsse der Witterung