Ausgabe 
(28.8.1880) 17
 
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während des etwa langen Zeitraumes ähnlich wie das menschliche Antlitz durch die Sonneund Stürme gebräunt worden war, das Baumaterial dieser Tempel stimmt zwar rechtharmonisch zu dem Hintergründe der ebenfalls braunen, öde an-.-,..'brannten Küstenland-schaft, paßt auch in seiner Derbheit und prunklosen Einfachheit zu der ernsten Würdedes dorischen Styls, kann aber auf den Beschauer aus der Nähe keineswegs jene ge-waltige Wirkung hervorbringen wie die aus dein edlen Marmor erbauten Denkmälergleicher Art.

Der erste, weniger gut erhaltene Tempel, jener der lluno Imcrinia, stammt" ausder ersten großen Blütheperiode der griechischen Baukunst, die, hervorgerufen durch dasgesteigerte Selbstbewußtsein in Folge der glänzenden Siege und allgemeinen nationalenErhebung, in das Ende des fünften Jhrhunderts vor Christus fallend, wesentlich daraufberuht, daß man sich durch die nach plastischen Gesetzen durchgebildeten Gestalten vonden strengen Regeln und Banden einer unveränderlichen Architektonik frei zu machensuchte. Unter der erheblichen Anzahl von dorischen Peripteral-Tempeln Siciliens, die,jener Zeit ihren Ursprung verdankend, in ihren derbern Formen noch strengern Dorismusbewahrt haben, ist dieser ein Beispiel für die günstigere Entwicklung des Styls. DasFesthalten an dem Hergebrachten, Ursprünglichen dürfte in Sicilien, einer von Dorerngegründeten Colonie Griechenlands, ebenso wie in Ornoein ma§nn Unter-Italiens seinenGrund in der weiten Entfernung vom Mutterlands finden. Wäre nicht in Folge des unedlenMaterials indem man Thon, Tuff und Sandstein zum Bau verwendete, durch die Einflüsseder Witterung und besonders des gesürchteten Sciroeco der größte Theil dieses Bauwerkestheils zusammengestürzt, theils zerfallen, derart, daß von den dreizehn noch aufrechtenSäulen kaum sieben weitern Einwirkungen zu widerstehen versprechen, so wäre dieserTempel der schönste SicilienS zu nennen. Wie alle sicilinnische Tempel dorischen Styls,trägt er die Vorzüge dieser einfachen, energischen und bestimmten Architektonik, die klarden Zweck ausspricht, den sie verfolgt. 3-1 straffe, kühne Säulen, je aus 5 Steinblöckensammt Capitäl bestehend, mit der gewöhnlichen 20fachen Cannclirung ausgestattet, bildetenursprünglich den Portieus, so daß auf die Längsseiten je 13, auf die Fronten je 6entfielen. Der Durchmesser verhält sich zur Höhe derselben wie 1 zu 4^/.. Alle dieseZahlen, dem mathematischen Formensinn der Griechen entstammend, bringen in das Ganzeeine unvergleichliche Harmonie. Bei Betrachtung dieser geometrischen Grundverhaltnissskommt man zu der Ueberzeugung: so mußte es sein und anders konnte es nicht werden.Wie allüberall finden wir auch hier einen Unterbau von vier Stufen, sowie auch Spurender von Wänden umschlossen gewesenen Zelle (OuUn). Diese enthielt nach Plinius jenesberühmte, die Juno darstellende Bild von Zeuxis, wozu der alte Meister die fünfschönsten Jungfrauen von Agrigcnt als Modelle benützt haben soll, und öffnete sich nachvorne in die Vorhalle. Nach rückwärts stand sie. mit einem für Priester und geheimeCultuszwecke dienenden Raum, der wieder mit unterirdischen Gängen communicirte, inVerbindung. Dieser Umstand ließ lange glaube», der Tempel sei für den mistischenDemeter-Cult bestimmt gewesen.

Nicht weit von diesen Ruinen erhebt sich auf einem ähnlichen Hügel, und mittenin einer gleich malerischen Umgebung der sogenannte Concordia-Tcmpel. Von dem HistorikerFazcllo wurde er fälschlich so benannt, da man in seiner Nähe eine darauf hinweisendelateinische Inschrift gesunden hatte, die noch heutzutage in Girgenti gezeigt wird. Ob-gleich viel besser, bis auf das fehlende Dach sogar vollkommen erhalten, deutet derselbemit seinen weniger charakteristischen Formen auf eine spätere Zeit der Entstehung hin.Er stimmt in Form und Zahl seiner Säulen, sowie in den Grundelementen des dorischenStyles mit dem früher beschriebenen überein. Goethe sowohl als Bartels bemerktenjedoch schon in ihren diesbezügliche!: Schriften, daß sie an den Wänden und SäulenAusbesserungen wahrgenommen hätten, die sie der eifrigen Geschäftigkeit der in Folgeihrer großen Zahl meist müßigen Geistlichen zuschrieben, was um so wahrscheinlicher"klingt, als dieser Tempel seine vollkommene Erhaltung nur dem Umstände zu verdanken: