Ausgabe 
(1.9.1880) 18
 
Einzelbild herunterladen

140

bist Du ja schon! rief sie plötzlich erfreut, als Iwan mit einigen Papieren m der Handwieder in's Zimmer trat. Nun wollen wir sogleich die Sehnsucht des Herrn Advokatenbefriedigen, und sie griff hastig nach den Dokumenten, um sie Rasinsky zu überreichen.

Der Kammeldiener jedoch hielt die Papiere fest und sagte mit eigenthümlichemLächeln: Wir wollen sie hier auf dem Tisch ausbreiten, dann kann sie der Herr in allerBequemlichkeit prüfen, und dürfen wir nicht gestatten, daß er sie selber in die Handnimmt und er warf dabei der Wittwe einen Blick zu, die ihn augenblicklich verstand,denn sie rief lachend aus: Ganz Recht. Mißtrauen gegen Mißtrauen! Wer bürgt unsdafür, daß der Herr Advokat die wichtigen Dokumente an sich reißt und sie für immerVerschwinden läßt, um mich zu verderben.

Das glatt rasirte Gesicht Rasinsky's verrieth auch nicht eine Spur von Kränkung.Er nahm seine goldene Brille ab, putzte in aller Gemüthlichkeit mit seinem seidenenTaschentuch die Gläser und entgegnete dabei in größter Ruhe: Schade nur, daß dieserHandgriff wenig nützen würde, denn Sie vergessen, gnädige Frau, daß Sie in der Lagewären, jeden Augenblick dieselben Papiere herbeizuschaffen.

Thut nichts, dem Baron gegenüber ist jede Vorsicht geboten, erwiderte die Baroninrasch und gereizt und ihre schönen geistfunkelnden Augen ruhten dabei mit finsterm Grollauf dessen Abgesandten. Auch diese Beleidigung, die mehr ihm als seinem Klienten galt,nahm der Advokat sehr gelassen hin. Es wird vorläufig genügen, wenn ich die vor-gelegten Dokumente in der mir gestatteten Entfernung studire, sagte er mit sarkastischemLächeln, und schickte sich an, die bereits von Iwan anf dem Tische ausgebreiteten Papierezu prüfen.

Der Todtenschein des Barons ist in lateinischer Sprache abgefaßt bemerkte derKammerdiener und sein Gesicht verzog sich etwas spöttisch.

Thut nichts, muß ich ebenfalls sehen, mir ist das Italienische durchaus nicht fremd,war die Antwort Rasinsky's und er blickte etwas höhnisch zu dem vor ihm stehendenBedienten auf, der mit Argusaugen die Dokumente zu bewachen schien, dann vertiefteer sich schon in seine Aufgabe, ohne das wunderliche Paar noch weiter zu betrachten.Das Zeugniß über die zwischen dem Baron Gregor Bloomhaus und Fräulein Combe-laine stattgefunden eheliche Verbindung war aus Paris datirt und in aller Form aus-gestellt. Es hatte den Stempel der Behörden und an seiner Echtheit ließ sich kaumzweifeln. Auch das Zeugniß des Geistlichen über den kirchlichen Trauakt fehlte nicht.Es konnte hier eine Fälschung unmöglich vorliegen, das mußte sich Rasinsky selbst gestehen.

Jetzt wandte der Advokat seine Aufmerksamkeit dem Todtenscheine zu, den er einernoch sorgsameren Prüfung unterzog. Das Papier war in italienischer Sprache abgefaßtund aus Neapel datirt. All' diese Angaben stimmten. Aber seltsam, aus dem Scheineging hervor, daß Baron Bloomhaus in einer Irrenanstalt Neapels und an einem Ge-hirnleiden gestorben war. Dann ist der Mann am Ende schon wahnsinnig gewesen, alser diese Frau geheirathet hat, dachte der Advokat und prüfte noch einmal die beidenDaten des Trau- und des Todtenscheins» Ein unwillkürliches leisesHm" entfuhrseinen Lippen.

Die Hochzeit des Barons hatte in Paris am 12. November stattgefunden undam 13. Februar des nächstfolgenden Jahres war der junge Gatte schon in Neapel seinemGehirnleiden erlegen. Dann war ja die furchtbare Katastrophe ungeheuer rasch erfolgt.

Die Baronin hatte sich ebenfalls dem Tische genähert und beobachtete mit unruhigblitzenden Augen, wenn auch ganz heimlich, jede Bewegung in dem Gesicht Rasinsky's;als er jetzt sein verdächtigesHm" murmelte, fragte sie in vornehmer Haltung, aber auchmit allen Zeichen der Ungeduld: ist die Prüfung noch nicht zu Ende? meine Zeit ist mirwirklich für derlei Geschäfts zu kostbar.

Ich habe nur noch eine Bitte. Mir zu gestatten, die Dokumente zu kopiren,entgegnete der Advokat mit großer Höflichkeit. Es wird sehr rasch geschehen sein.