Ausgabe 
(4.9.1880) 19
 
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So hatte die Italienerin beinahe durch ganz Deutschland ihren Feind verfolgt.Endlich durfte sie hoffen ihn zu treffen.

Er hatte sich mit seiner Gemahlin kurze Zeit in Wien aufgehalten und sie erfuhrmit Sicherheit, daß er nach Berlin abgereist sei. Jetzt lag zwischen ihnen nur noch einZeitraum von vierundzwanzig Stunden. Wie Enrichetta den Baron und seine Gattinkannte, durste sie sicher darauf rechnen, daß sich das Paar längere Zeit in Berlin austhalten werde, um die Vergnügungen und Genüsse auch dieser großen Stadt kennen zulernen. Das lebenslustige Paar hatte vorwiegend in großen Städten geweilt und durchden verschwenderischen Glanz mit dem es auftrat, überall Aufsehen erregt.

In fieberhafter Aufregung reiste Enrichetta nach Berlin . Endlich winkte ihr dasZiel durfte sie hoffen, daß ihr rachsüchtiges Herz Befriedigung fand.

Kaum in der preußischen Hauptstadt angekommmen, wendete sich Enrichetta aufGrund des Steckbriefes an das Polizeiamt, um rasch das Hotel zu erfahren, in demBaron Bloomhaus abgestiegen sei. Zu ihrer Verwunderung wurde ihr die Auskunft,daß gestern nur eine verwittwete Baronin Bloomhaus im Hotel de Rome abgestiegensei, von einem Baron gleichen Namens war der Polizeibehörde nichts bekannt.

Hatte das Paar bereits Kenntniß davon erhalten, daß es so hartnäckig verfolgtwurde und wollte es sich durch diese List vor jeder Entdeckung sichern? Oder warder Elende wirklich plötzlich verstorben und so ihren Rachegelüsten für immer entgangen? Enrichetta mußte darüber Gewißheit haben und sie eilte sogleich in das Hotel de Rome.Durch ihren Aufenthalt in Deutschland hatte sie bereits so viel deutsch gelernt, daß siesich wenigstens in dieser Sprache nothdürftig verständlich machen konnte.

Der Portier gab ihr bereitwilligst Auskunft. Eine Baronin Bloomhaus wargestern im Hotel angekommen, aber bereits vor einer Stunde abgereist.

Enrichetta knirschte heimlich mit den Zähnen. Sollte sie denn niemals ihr Zielerreichen! Sie wollte sich nach der Persönlichkeit der Baronin erkundigen, um völligsicher zu sein, daß sie die Richtige verfolge; aber der Portier konnte damit nicht dienen.In dem großen Hotel flogen zu viel Fremde aus und ein, die Baronin hatte sich zukurze Zeit aufgehalten. Sie wurde von dem Manne an den Zimmerkellner gewiesen,der gestern die Bedienung dieser Fremden gehabt hatte.

Der vielbeschäftigte junge Mensche vermochte der Italienerin nur kurze Zeit Redezu stehen, dennoch entnahm sie aus seinen flüchtigen Schilderungen, daß sie die rechteSpur noch nicht verloren und sich die Gattin des verhaßten Mannes hier aufgehaltenhabe. Aber wo war der Baron selbst geblieben? Hatte ihn wirklich ein plötzlicherTod erreicht, oder war das alles nur Komödie um sich fortan vor jeder Entdeckungzu sichern.

Wohin war jetzt diese Frau geflüchtet? Nach Hause hatte sie als Ziel ihrerReise angegeben. Wollte sie sich in Paris über den unerwarteten Verlust ihres Gattentrösten? Aber der Kellner erinnerte sich, daß die Baronin sich erkundigt habe, wann dernächste Kurierzug nach Ostpreußen gehe und daß die gnädige Frau auch wirklich um dieseZeit abgereist sei.

Wissen Sie nicht, wohin sie wollte? fragte die Italienerin hartnäckig.

Dein Kellner brannte zwar der Boden unter den Füßen, er hatte noch so viel zubesorgen, aber das gute Trinkgeld, das ihm Enrichetta gegeben, legte ihm noch einigeRücksichten auf. Nach Rußland , entgegnete er rasch. Sie ist gleich nach ihrer Ankunftzum russischen Gesandten gefahren, um sich ihren Paß vifiren zu lassen.

Die Italienerin wollte freilich noch sehr vieles wissen, leider konnte der Kellnerbeim ersten Willen ihren Fragen nicht länger Stand halten, denn von zwei Zimmernzugleich wurde er herbeitelegraphirt und mit einem letzten tiefen Bückling verschwand er,um die Treppe hinauszufliegen und durch größere Eile das Versäumte nachholen.

Ohne Besinnen suchte Enrichetta das russische Gesandtschaftshotel auf, das leicht