Ausgabe 
(8.9.1880) 20
 
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wieder und wolle es nicht zum Aeußersten treiben. Plötzlich eilte er von Neuem auf dieItalienerin zu und knirschte zwischen den Zähnen hervor: Den Brief oder Du kommstnicht mehr lebendig von der Stelle.

Ich rufe um Hilfe! drohte sie wieder.

Rufe immer, war die hohnlachende Antwort. Ich habe zugeschlossen und ehe eseiner meiner Leute wagen könnte, Dich zu retten, stirbst Du unter meinen Händen, denBrief her, oder ich erwürge Dich!

Enrichetta wollte eine Scheibe einschlagen und sich auf diese Weise in den Hofflüchten; aber ihr Gegner hatte sie schon vom Fenstersims heruntergerissen. Den Brief!oder er umklammerte mit den Händen ihren Hals und ihr erster verzweifelter Hilfe-schrei endete bald in einem dumpfen Gurgeln: Ich habe ihn nicht bei mir.

Den Brief! knirschte er von Neuem, ganz besinnungslos vor Wuth.

Ich habe ihn in meinem Mieder, preßte sie mühsam hervor.

Er riß es ihr ohne Weiteres auf und seine fieberhaft zuckende Hand hatte raschem zusammengefaltetes Blatt Papier gefunden. Ein Blick überzeugte ihn, daß es wirk-lich der verhängnißvolle Brief sei. Er hatte Mühe, einen wilden Freudenschrei zu unter-drücken. Nun war viel erreicht, nun durfte er hoffen, das rachsüchtige Geschöpfvöllig unschädlich zu machen. Er steckte hastig den Brief in seine Brusttasche und sichüber das erhitzte Gesicht fahrend, als wolle er damit seine furchtbare Aufregung be-schwichtigen, sagte er mit wildem höhnischem Lächeln: Du siehst also, daß ich nicht mitmir spaßen lasse und vor keinem Mittel zurückscheue, wenn es gilt, mich meiner Haut zuwehren und daß es für Jeden weit besser ist, sich in Güte mit mir zu einigen, dannbin ich ja um den Finger zu wickeln.

Auf Enrichetta hatte der gewaltsame Angriff doch einen furchtbaren Eindruck gemacht.Der Baron sprach die Wahrheit, er gehörte zu jenen Bestien, die Alles zerreißen, wasihnen feindlich in den Weg tritt und wenn sie es zum Aeußersten trieb, war sie ihresLebens nicht mehr sicher. Sie mußte ihn jetzt zu überlisten suchen, um wenigstens nocheinmal dieser Gefahr zu entrinnen. Er hatte sie ja so schändlich und niederträchtig ge-täuscht, sie konnte ihn: Gleiches mit Gleichem vergelten und schlimmstenfalls mit den- heiligen Schwüren Dinge versprechen, die zu halten sie ebenfalls von vornherein nichtgewillt war.

Deshalb gab sich die Italienerin den Anschein, als sinne sie über etwas nach undals gehe plötzlich eine innere Wandlung mit ihr vor. Sie stieß einen tiefen Seufzeraus, und völlig niedergeschlagen sagte sie mit leiser, gebrochener Stimme: Ich sehe schon,daß ich in Rußland bin, und daß hier ein reicher Baron mit Jedem nach Willkür ver-fahren kann.

Du sagst nichts als die Wahrheit. Wenn Du jetzt als Leiche aus meinen HändenHervorgingst, so schlösse ich einfach das Zimmer hinter mir ab, ließ dich in nächtlicherWeile von einem meiner Getreuen in irgend einen: Winkel einscharren, und ich brauchtenur auf alle Fragen ruhig zu antworten: sie ist nicht hier, und Niemand würde wagen,an dem Worte des gnädigen Herrn Barons zu zweifeln, selbst wenn Alle wüßten, daßes damit anders zusammenhinge.

Ich fürchte, daß Sie Recht haben, sagte sie kleinlaut, während ihr jetzt triumphirendcrGegner mit übermüthigem Lachen fortfuhr: Dein Glück, wenn Du es einsiehst. Ichhabe Dich hier nicht im Mindesten zu fürchten. Ein Baron Bloomhaus hat in seinerHeimath eine ganz andere Bedeutung, als in der Fremde. Ich bin hier nächst demKaiser die erste.Person und der Sprecher richtete sich stolz und selbstbewußt in dieHöhe.

Enrichetta senkte den Kopf und nahm eine sehr niedergeschlagene Miene an. Ichdenke auch, das Beste ist, wenn wir uns versöhnen, Herr Baron?

Eigentlich brauche ich das nicht, war die siegesgewisse Antwort. Ich habe Dichund Deine furchtbaren Rachepläne nicht iin Mindesten zu fürchten, und er stieß ein