und nachdem er eine Weile phantasirt hatte, sank er ermattet aufs Bett und verfiel in stiefen Schlaf. Plötzlich erwachte er: drei Männer waren in sein Zimmer getreten.
„Entschuldigen Sie, mein Herr", sagte einer von ihnen, „daß wir ihren Schlafstören, nur die äußerste Noth hat uns gezwungen, bei Ihnen einzudringen. Würden ^
Sie nicht sofort bereit sein, einige Nummern im Konzerte der Philharmonischen Akademie t
zu spielen?" '
Der hungrige junge Mann, der kaum seine Gedanken zu sammeln vermochte, starrtedie Fremden mit einem Ausdruck an, als wären sie Engel vom Himmel gesandt, um ihmGelegenheit zu geben, sich einige Lire zu verdienen.
„Ich soll noch heute Abend in einem Konzert spielen?" brach er erstaunt aus, „woMadame Malibran und de Bäriot . . .
„Ja, das ist gerade der Knoten", fuhr der Andere eifrig fort. „Die Beidenhaben sich zurückgezogen; de Böriot fühlt sich beleidigt und will nicht spielen und Madame f
Malibran meldete sich krank und kann nicht singen; auf diese Weise wird das ganze Konzert '
unmöglich. Nachdem wir lange Zeit in der Stadt erfolglos hin- und hergewandert, -
siel es uns ein, daß Madame Colbran-Rossini sich in der Stadt aufhält. Wir eiltenzu ihr und überredeten sie, die Nummern zu singen, welche die Malibran hatte anzeigenlassen. Aber woher sollten wir einen Violinspieler nehmen? Auch da wußte MadameRossini Rath. Sie erzählte uns, daß im Hause ihr gegenüber ein junger Mann wohne, ^
der die Violine so spiele, wie sie noch nie etwas Aehnliches gehört habe. „Wenn ernur den Muth hat, öffentlich aufzutreten", fügte sie hinzu, „so übernehme ich die Vcr- !
antwortung für den Erfolg." — Deshalb sind wir zu Ihnen gekommen und ersuchenSie, uns den großen Dienst zu erweisen, in dem heutigen Konzerte aufzutreten! Wir ^
bieten Ihnen dasselbe Honorar, das wir der Malibran und de Böriot versprochen haben, '
die Hälfte der Netto-Einnahme, und das wird sicherlich eine hübsche Summe werden.
Und jetzt, mein Herr — wollen Sie auf unsere Bedingungen eingehen so bitten wir s
Sie, sich zu beeilen; wir haben keinen Augenblick zu verlieren, denn das Konzert hat
bereits begonnen."
Der junge Geiger griff nach seiner Violine und folgte den Unbekannten gleichsam wieim Traume. Es waren die Direktoren der genannten Akademie.
Im Teatro grande war das ganze Haus besetzt. Das Konzert hatte schon längst ^begonnen; Signora Rossini war aufgetreten und mit stürmischem Beifall empfangenworden, weil sie eine eminente Künstlerin und zugleich eine Tochter Bolognas war. Aberauf ihre Arie sollte ein Violinsolo folgen, welches den ersten Theil des Konzertes zu
schließen hatte. Da - gerade in dem Augenblicke, als das Haus vom Beifallssturms >
erschüttert wurde, mit dem man Signora Rossini für ihren Gesang belohnte — kamen f
die Direktoren mit dem unbekannten Geiger an, der sofort auf die Bühne geführt wurde. s
Da stand er nun unfähig seine Gedanken richtig zu sammeln, ungewiß ob er wacheober träume. Das zahlreiche Publikum, der strahlende Lichtschein, die fremdartige Um-, ^
gebung betäubte ihn gänzlich. !
Allein der Künstler war gewohnt, Alles, was er fühlte, auf seine Geige zu über- 'tragen und deshalb begannen die überwältigenden Gefühle, welche in diesem Augenblick ^
auf ihn einstürmten, sich in Tönen Luft zu machen. Er bemerkte nicht, daß das Pub- si
likum, statt ihn mit Wohlwollen zu empfangen, zu zischen begonnen hatte, als man die -
traurige Gestalt im ärmlichen Anzüge gewahrte. Er glaubte sich in einem Feenpalasts ^
zu befinden, vor dessen Gebietern er jetzt den Schmerz, der seine Seele erfüllte, auszu- ?
drücken wagte. Daher entströmte seinem Bogen ein Meer von Tönen des Schinerzes, >
wie dergleichen bisher kein Instrument hatte erklingen lassen. Bald klagten die Saiten !
in Elegien des Kummers, bald gab sich der Schinerz in schneidenden Tönen kund, baldhörte man die drohende, scharfe und kalte Verzweiflung der Hilflosigkeit. !
Die Zuhörer saßen wie von einer übernatürlichen Macht bezaubert da und wagtenkaum Hu athmen. Sie fühlten sich von der ängstlichen und gualvollen Stimmung er-