Ausgabe 
(8.9.1880) 20
 
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griffen, welche den Kunstgenuß zu einem wahrhaft peinigenden Gefühl verwandelt. Aberschließlich löste sich der wahnsinnige Schmerz auf und ging in stille Wehmuth über, welchedie Herzen gleich einem balsamischen Thau erquickte. Der Künstler hatte kaum geendet,als ein wahrhafter Orkan von Beifallsrufen ihn unterbrach, der nicht enden wollte.Der Direktor ließ den Vorhang fallen; der Künstler wankte hinaus und sank in dieArme Derjenigen, welche herbeigeeilt waren, um ihn zu beglückwünschen.

Brod!" war das einzige Wort, das seinen blassen Lippen entströmte, und wahrendman den ermatteten Künstler in ein Nebenzimmer führte, um ihm Essen und Trinkenzu geben, fuhr das Haus fort, unter dem gewaltigen Beifallsjubel der Zuhörer zu erzittern.

Während des zweiten Theils des Konzertes hatte sich der Künstler soweit erholt,daß er seine Selbstbeherrschung wieder erlangte. Der ungewohnte Genuß einer gutenMahlzeit, dessen er lange hatte entbehren müssen, die Wärme, welche ihn durchströmte,seitdem er den feurigen Wein gekostet, wirkten wohlthätig und belebend auf die erschlafftenNerven. Endlich näherte sich der Schluß des Konzerts, welcher wieder aus einem Violin-Solo bestehen sollte.

Die Direktoren beriethen sich in Gegenwart des Künstlers, ob man es wagendürfe, ihn wieder auftreten zu lassen. Aber entschlossen trat er vor:Ja, ich werdespielen, ich muß spielen!" So eilte er zum zweiten Mal auf den Schauplatz seinesTriumphes. Auch jetzt verstand er nicht den unendlichen Jubel, der ihm entgegen brauste.

Er ergriff den Bogen und sprach wieder zum Auditoriuni, aber diesmal mit ganzanderen Tönen, als vorhin. In lichten, lyrischen, jubelnden Tönen erzählte er aus denErinnerungen seiner Jugend. Er zauberte den Frieden seines Heims, umweht von denfrischen Luftströmungen aus dem hohen Norden, hervor. Er jubelte darüber, daß erdas Ziel seines Lebens gefunden; er äußerte seine Dankbarkeit darüber, daß man seinStreben anerkannt habe. Und alles dies malte er in den unwiderstehlichsten Tönen,welche einem Bogen je entströmten. Er ahnte es, daß der Stern seiner Zukunft mitdiesem Abend aufgegangen sei, und er sprach es jubelnd aus. .

Zum zweiten Male mußte der Vorhang fallen, um ihn von einem Publikum zutrennen, das vor Entzücken außer sich war und wieder hörte er nichts von dein grenzen-losen Jubel. Denn er war noch einmal bewußtlos niedergesunken, doch diesmal nichtvor Ermattung, sondern aus Freude über seinen Triumph. Ein tiefer, wohlthätigerSchlaf stellte ihn vollständig wieder her.

Am nächsten Tage sprach man in Bologna von nichts Anderem als von dem wunder-baren Talent des jungen norwegischen Künstlers Ole Bull . Die Direktoren der Akademieerschienen in seiner Wohnung mit dem bedeutenden Honorar, das sie ihm versprochenhatten. Die vornehmsten Kunstkenner der Stadt boten ihm ihre Dienste an, und da eraus seiner traurigen Lage kein ^>ebl machte, wurde sofort ein neues Konzert für ihnarrangirt. ' (D. Montagsb!.)

Miscelle n.

(Auch eine Handschrift.) Der Theaterdirector . . l berühmt dadurch, daßer weder lesen noch schreiben konnte, befand sich einst an einer Nudle 6'tiot«, wo einegoldene Uhr ausgespielt wurde. Jeder der Gäste gab zwei Thaler, schrieb seinen Namenauf einen Zettel, warf ihn in einen Hut, Md dann sollte sogleich gezogen und die Sacheabgemacht werden. Der erwähnte Theatervirektor war in nicht geringer Verlegenheit,als auch er seinen Namen aufschreiben sollte. Um sich keine Blöße zu geben, that er,als ob auch er schriebe, rollte das leere Blättchen zusammen und warf es in den Hut.Das Glück wollte, daß gerade dieses gezogen wurde. Allgemeines Staunen, als dasBlatt aufgerollt und leer befunden wurde. Doch der anwesende Komiker V. ließ es sichgeben, und als er es betrachtet hatte, rief er aus:Ich kenne diese Züge! Das ist dieHandschrift unseres Herrn Theaterdirektors."