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Willig fügte sich die Italienerin in sein Geheiß. Sie nahm an dem kleinenSchreibtisch Platz und schrieb nieder, was ihr der Andere diktirte. Die Form der
Quittung ließ noch deutlicher hindurchschimmern, daß eine Geisteskranke dies Geld er-
halten habe. Sie schrieb dann unter das Papier ihren Namen und sich wieder erhebend,fragte Sie mit freundlichem Lächeln: Sind Sie nun zufrieden?
Vollkommen, antwortete ihr Gegner, der aufmerksamen Blickes der Feder Enrichetta'sgefolgt war, um sicher zu sein, daß sie auch wirklich niederschrieb, was er ihr diktirte.
Dann kann ich gehen? fragte sie von Neuem und mit einer gewissen Aengstlichkeit,die verrieth, daß sie sich möglichst bald in Sicherheit bringen wolle.
Ich werde anspannen lassen und man mag Dich zur nächsten Station bringen.
Ich habe ja Fuhrwerk, das auf mich wartet.
Auch gut. Also lebe wohl, Enrichetta, und sobald von Dir in den nächsten dreiWochen ein Brief aus Italien eintrifft, sende ich Dir auf der Stelle noch fünftausend
Rubel. Mein Ehrenwort und er reichte ihr zum Abschiede die Hand.
Ich danke Ihnen, Herr Baron, Sie werden vielleicht den Brief noch eher erhalten.
Um so besser, Addio! und mit einem ruhigen, freundlichen Lächeln schritt er hinaus.Enrichetta folgte ihm. Sie sah sich nicht mehr um und eilte raschen Schrittes hinweg.Erst als das Schloß wieder hinter ihr lag, athmete sie auf.
VI.
Advokat Rasinsky saß verdrießlich in seinem Amtszimmer, denn weder er noch derGraf hatten aus Italien Nachricht erhalten, da wurde eine Fremde gemeldet, die ihnin dringenden Geschäften zu sprechen wünsche. Es war Enrichetta, man hatte ihr geradeRasinsky als tüchtigen und gewandten Anwalt empfohlen.
Ich komme in einer sehr wichtigen Sache zu Ihnen, begann sie in gebrochenemDeutsch.
Rasinsky erkannte sogleich an ihrer Aussprache die Italienerin und bat sie, sich ruhigihrer Muttersprache zu bedienen.
Enrichetta war davon sehr angenehm überrascht. Nun faßte sie schon zu demManne weit größeres Vertrauen. Man hat mir gesagt, daß es in Rußland schwer sei,gegen vornehme und einflußreiche Leute ein Recht zu verfolgen, aber ich hoffe doch, daßSie mir den nöthigen Beistand leisten werden — und die Augen der Italienerin ruhtenunruhig fragend auf dem jungen Anwalt, über dessen glattes Advokatengesicht ein leichtesLächeln flog.
Es sind das ganz falsche Ansichten, die unsere Feinde über Rußland verbreiten.Recht und Gesetz wird hier jetzt ebenso entschieden gehandhabt, wie im westlichen Europa .
Sie werden also auch gegen einen sehr reichen und angesehenen Baron auftreten?
Warum nicht? Wenn sie mich mit einem solchen Auftrag betrauen wollen?
Also auch gegen Baron Vloomhaus? fragte sie hartnäckig weiter.
Bei Nennung dieses Namens konnte der Advokat seine Ueberraschung nicht ver-bergen: er vermochte nicht augenblicklich zu antworten und die Italienerin fuhr lebhaftfort: Ah, mein Herr, erschrecken Sie schon?
Durchaus nicht, entgegnete Rasinsky, der rasch seine Ruhe wieder gewonnen hatte.Aber ich muß Sie doch fragen, gegen welchen Baron Vloomhaus. Es gibt noch eineSeitenlinie, die Bloomhaus-Nosenberg.
Nein, ich meine Baron Gregor Vloomhaus.
.Der ist todt, mein Fräulein.
Durchaus nicht, entgegnete sie. Ich bin erstaunt, daß Sie dies auch behauptenund doch habe ich erst gestern mit Baron Vloomhaus gesprochen.
Unmöglich! Der Baron Gregor Vloomhaus ist schon vor mehreren Monate inNeapel gestorben.
Das muß dennoch ein Irrthum sein. "Ich war ja die Kammerfrau seiner ersten