Ausgabe 
(11.9.1880) 21
 
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Jeder nimmt sein gekochtes Essen des Morgens vom Hause mit auf denArzberg", einTöpfchen Suppe und ein Töpfchen Zuspeise, in eigens für sie gebrannten Doppel-Töpfchen, welche hinten am Hosengurt hängend, den ganzen Tag am Leibe getragenwerden, ohne bei der Arbeit zu stören. In früheren Zeiten, ehe man dem Erzbergemit Pulver und Dynamit zu Leibe ging, kratzten und schabten die armen Teufel mühe-selig mit ihren Stemmeisen an den ehernen Felsen herum und trugen, was sie den Tagüber abgekratzt hatten, Jeder in seinem Tüchlein nach Hause. Heute liefert die Dynamit-patrone auf einen Krach einen Lastzug voll Erzes; man braucht nur die Mine zu bohren.Mit Bohrmaschinen ginge dies wohl leichter, als mit Hammer und Meißel, wie es nochjetzt geschieht. In einer Wand sah ich ncunundsiebzig solche Bohrlöcher ungeladen bei-sammen, welche nicht gesprengt werden; man reservirt sie für einen etwaigen Besuch, umeinen Effektcoup produziren zu können, indem man dann alle neunnndsiebzig Minen zugleicher Zeit zum Auffliegen bringt und eins ganze Loreley auf einmal in Staub ver-wandelt. Den Gang der Arbeit und die dadurch bedingte Szenerie gedenke ich hiernicht zu schildern, so interessant sie auch sei. Alle die Hoch- und Röstöfen mit dem end-losen Netz von Brücken und Leitungen, Aufzügen Rampen und Drahtseilbahnen, die sie

verbinden und durch welche die hohen Berge rings um sich über das Thal weg die

Hände reichen, lasse ich bei Seite, um nicht in's Technologische hineinzugerathen, aucheine schöne Gegend, in der ich aber meinen Urlaub niemals verbringe. Diese Art mensch-licher Thätigkeit zeigt sich übrigens in ansprechenderer Weise in dem Thäte, durch dasdie Flügelbahn von Leoben nach Vordernberg führt. Das saftgrüne Thal, mit seinengrauen Felsenzinnen, erhält einen eigenthümlichen Charakter, denn während auf den grün-sammtenen Hügeln lichte Villen und Schlösser schimmern, stehen in den Thalgründeneins nach dem andern, die ansehnlichen Etablissements aufgereiht, in denen das Eisen

gepuddclt, gewalzt, gegossen und weih der Himmel was Alles wird. In imposanter

Unheimlichkeit stehen sie da, die mächtigen schwarzberußtcn Gebäudegruppen mit ihrenzahllosen schwarzen Thürmen, die eigentlich nur Schornsteine sind, und mit ihren Essen,aus denen unter dichtem Qualm lange feuerrothe Zungen, selbst bei Tage sichtbar, inder Nacht aber schreckhaft schön, gen Himmel lecken. Man glaubt die feurige HöllenstadtDis", welche Dante beschreibt, mitten in'S Paradies hineingestellt zu sehen.

Und in solcher Romantik, an der sich Natur und Meiffch in die Hände gearbeitethaben, wandelt der biedere Steirer umher in seinem grauen Loden mit grünem Vorstoßund in gcmsledernen Kniehosen und grünen Wadenstrümpfen, die Kniee selbstverständlichnackt, als stammten sie direkt von Adam. Der Städter ist geneigt zu erstaunen, wenner sieht, wie die Nationaltracht in Steiermark sich noch immer selbst bei den gebildetenStänden geltend macht. Der Steirer, und nicht nur im Gebirge, trägt es wie etwasAngeborenes. Selbst Leute mit feiner weißer Wäsche und goldenem Zwicker gefallensich unendlich in malerisch abgeschabten und verschundenenGamslcdcrnen" und mit Knieena In Kollo owile. Wenn man über dieses Kapitel nachdenkt, wird man vielleicht mitHilfe der modernen Wissenschaft auf den Grund dieser Erscheinungen kommen. Betrachtetman jene bloßen Kniee durch Darwin's Brille, so wird man sagen müssen: Der Stamm,der in Urzeiten diese Gebirge bewohnte, hat sich ohne Zweifel entweder durch hochgradigeGalanterie, oder durch sehr geringen Schulfleiß ausgezeichnet. In jenem Falle wärendurch vieles Knieen zu Füßen der Herzliebsten, in letzterem Falle aber durch Strafknieenin der Schule, möglicherweise auf harten Erbsen, die Hosenknie regelmäßig durchgestoßenworden und so wäre im Laufe der Zeit durch Vererbung nach bekannter Melodie diedurchstoßene Hose, d. h. die nackten Knie bei den Steirer» konstant geworden, so daßseither jeder Steirer gleich mit nackten Knieen auf die Welt kommt, eine Thatsache,welche schwerlich von irgend einem Naturforscher bezweifelt werden dürfte. Was aberden grauen Loden mit grünem Ausschlag und Vorstoß betrifft, so lehren uns die Zoologen,daß jedes Thier von der Natur als Vertheidigungsmittel die Farben-Anpassung an seineUmgebung mitbekommen habe. Das Hermelin sei weiß wie der Schnee, auf dem es