Ausgabe 
(15.9.1880) 22
 
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Stunden bei Wasser und Brod eingesperrt wird, wenn sie nicht einfach und vernünftignur die Fragen beantwortet, die ich an Sie stellen werde. Diese Drohung wirkte. DieSchauspielerin warf nur auf den alten grauen Barbaren einen vorwurfsvollen Blick;aber sie hielt fortan ihre Zunge in den gehörigen Schranken.

Auch jetzt noch wußte sich die ehemalige Bühnenkünstlerin mit großem Geschick zuvertheidigen. Sie bestritt jede Wissenschaft von dem gespielten Betrüge. Sie habe inParis einen Baron Bloomhaus gcheirathet, der auf der Reise plötzlich gestorben; siesei deshalb die einzige und rechtmäßige Erbin ihres verschiedenen Mannes. Für dieAuskunft des Jrrcnhausdirektors hatte sie nur ein verächtliches Lächeln und weil sie jetztin ihrer Vertheidigung sich kurz fassen mußte, drängte sie dieselbe in die Worte zu-sammen: Das ist ein schändliches Komplott, das von meinem Vetter, dem Baron Bloom-haus und seinem saubern Freunde, dem Grafen Brückcnbura, gegen mich geschmiedetworden.

Die Richter in Rußland wenden noch immer gegen störrische Gefangene ein Mittelan, das bei uns längst abgeschafft worden. Auch die Geduld des alten Beamten warbereits erschöpft und er nahm zu dieser ultimn rutio seine Zuflucht. Wenn Sie nichtein offenes Bekenntniß ablegen, dann erhalten sie einige Stockschlüge, ließ er der Schau-spielerin durch den Dolmetscher sagen und ein herbeibefohlener Kosack gab dieser Drohungden nöthigen Nachdruck.

Beim Anblick des Kosacken und seiner Knute stieß die schöne Frau einen furcht-baren Schrei aus; sie erbebte an allen Gliedern und todtenbleich mit gefallenen Händenkeuchte sie hervor: Um Himmelswillen! Nur das nicht! Ich will alles bekennen!

Der Beamte winkte ihr nur schweigend zu und sie fuhr in großer Aufregung sortbJedes Wort, was ich jetzt sagen werde, ist die volle Wahrheit! O ich bin namenlosunglücklich! und ein Strom folgte diesen Worten. Ein ungeduldiges Husten des Richtersmachte rasch wieder ihrer Verzweiflung ein Ende, und hastig ihre Thränen trocknend,,begann sie von Neuem: Als ich Iwan hcirathete, habe ich nicht die leiseste Ahnung da-von gehabt, daß er nicht der rechte Baron Bloomhaus sei. Er hat mir bis lange nachunserer Verheirathung alles verschwiegen, das ist so wahr, als ein Gott im Himmellebt! und sie hob feierlich die Hand in die Höhe. Ich lernte Baron Bloomhauskennen, als er noch verheirathet war; er klagte mir, wie unglücklich er mit seiner Gattinlebe, die beschränkt und überfromm ihn nicht verstehe und als seine Gattin plötzlichstarb, bot er mir nach kurzer Zeit seine Hand an. Ich liebte ihn bereits tief undleidenschaftlich und wurde mit Freuden seine Gattin, ohne zu ahnen, welch' furchtbaresGeschick mich dadurch erreichen würde. Sie hielt einen Augenblick in ihrer Rede inneund fuhr mit dem Taschentuch über das heiß gewordeue Antlitz.

Erst weit später, als die Nachricht von dem Tode des echten Barons eintraf, be°kannte er mir alles, fuhr die schöne blasse Frau nach einem tiefen Athemzuge fort.Unser Vermögen war völlig zusammengeschmolzen und nun entwarf er mir den kühnenPlan, daß ich als Wittwe des Barons in Bloomhaus auftreten möge. Er müsse dortfreilich die Rolle des Kammerdieners wieder übernehmen, weil man ihn überall in derHcimath wiedererkennen werde. Anfangs war ich über diese Enthüllungen entsetzt undempört, denn es war für mich ein furchtbarer Schlag, ich wollte den ehemaligen Be-dienten verächtlich von mir stoßen; aber er beschwor mich auf seinen Knieei:, ihn nichtelend zu machen, ich möge ihn tödten, aber nicht verlassen und ich konnte seinen stür-mischen Bitten nicht widerstehen, denn ich liebte ihn und liebe ihn noch jetzt. Sie brachvon neuem in Thränen aus und selbst der alte Kriminalbcamtc hielt sie diesmal fürecht. Er konnte der schönen unglücklichen Frau seine Theilnahme nicht versagen.

Die ehemalige Baronin wurde in das Gefängniß zurückgeführt und nun folgte dieVernehmung ihres Gatten.

(-chluß solgt.)