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Zur Vollendung des Domes zu Kölu
(Aus dem Wochenblatt für Architekten und Ingenieure )
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Der 14. August 1880 war ein Freudcntag für ganz Deutschland . Ein Ehrentagwar es in der Baugeschichte unseres Vaterlandes: auf deutschein Boden steht durch deutscheKunst und deutschen Fleiß die herrlichste gothische Kathedrale vollendet.
Durch drei Jahrhunderte hindurch ist der Krähn des unvollendeten Süd-Thurmesdas Wahrzeichen der Stadt Köln gewesen und in Verbindung mit der alten Sage vondösen Gewalten, die unter der Erde gegen den Felsen des Domes anarbeiten, hatte dieUeberzeugung sich eingewurzelt, daß das Bauwerk nicht vollendet werden könne. „Eherglaube ich, daß der Dom fertig wird", so lautete bei ganz^ unglaublichen Dingen nochder Ausspruch unserer Großvater, und auch in hochgebildeten Kreisen ward der Fortbaudes Domes als eine müßige Idee betrachtet. „Der perspectivische Aufriß gibt uus denBegriff der Unausführbarkeit eines so ungeheuren Unternehmens, und man siehtmit Erstaunen und stiller Betrachtung das Märchen vom Thurme zu Babel an den Uferndes Rheines verwirklicht", so schrieb über die Dom-Zeichnungen von Sulpiz Boisseräeim Jahre 1810 kein geringerer als Goethe. Wir aber sehen heute diesen babylonischenThurm vollendet, wir sehen ihn in seiner Herrlichkeit hoch in die Lüfte ragen. Stein-gebildet ist es ein gottgleicher Niese, der das All überragt, der sein Haupt in den Wolkendes Himmels verhüllt, während den Fuß das Pygmäengeschlecht umfluthet, aufblickendzu ihm aus dem Jammer der Erde.
Außerordentlich wie seine Größe ist auch die Geschichte des Bauwerkes. Gegründetim Zeitalter der Frömmigkeit nnd der Wallfahrten durch einen mächtigen kathol. Kirchen-sürsten, hatte es zu leiden unter dem Verfall des religiösen Lebens und war unrettbarder Zerstörung anheimgegeben, wenn nicht das Haupt der protestantischen Fürsten inDeutschland aus echter und wahrer Kunstbegeisterung das Vermächtnis) Konrads vonHochsteden angetreten hätte. Wunderbar ist auch jene Kette, von Zufälligkeiten, welchedie ältesten Nisse des Domes als werthloses Gsrümpel weit weg in fremde Hände fallenließ, dann aber die Wiederentdeckung nach zwölf Jahren herbeiführte, als die Landwehrden Freiwilligen von 1814 einen Ball gab und Herr Fritsch, der Eigenthümer der „Traube"in Kassel , auf seinem Boden Material zu einem Transparentbild suchen wollte. Wennder Maler Seekatz nicht zufällig Möller kannte; was dann? Auch Boisseröes Entdeckungin Willemin war dann unwahrscheinlich.
Geheimnißvoll ist auch noch heute das Dunkel, das den Urheber des großartigenPlanes umgibt. Ist es wirklich Gerard von Ryle, auf welchen die dürftigen Quellenals den Erbauer des HeiligthumS hinweisen, oder dürfen wir an Albertus Magnus denken, dem der Sage nach die Mutter Gottes im Traume den Plan des Domes sollvorgezeichnet haben? Albertus war ohne Zweifel in der Mathematik außerordentlichbegabt und die Geometrie bildet die Grundlage der Architektur. Vincentius JustinianuLnennt ihn einen sehr geschickten Architekten, und in der Bibliothek der hl. Sabina zuNom soll eine Handschrift besagen, daß er zum Chorbau der Predigerkirche in Köln denBauleuten den Plan zum Bau übergeben habe, „nach der wahren Meßkunst eingerichtet."In dem Geburtsorte Alberts, in Lauingen an der Donau, wird am 15. November, anseinem 600. Todestage, dem Gelehrten ein Denkmal gesetzt, und es steht zu hoffen, daßbei dieser Gelegenheit sein Leben sorgfältiger, wie bisher, durchforscht erscheinen wird.
Gleichviel wer der Meister ist, dessen Werk, wie einstmals die Leiber der hl. dreiKönige die frommen Pilger aus aller Welt herangezogen, nun als ein Tempel der Kunstdie Gebildeten aller Nationen herbeiführen wird, gleichviel, wer es ist, dessen Geist dengewaltigen Gedanken schuf, dessen erhabene Idee dieses Juwel der Baukunst auf deutschemBoden erstehen ließ; wir danken dem gütigen Geschicke, das uns diesen frohen, lang-ersehnten Tag erleben ließ, und gedenken gern derer, die an dem großen Werke mitthätig waren.