Ausgabe 
(15.9.1880) 22
 
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1855 stellte Zwirner das Project eines eisernen Dachstuhls mit eisernem Mittelthurms(109,8m) auf, welches nach langen Verhandlungen am 14. August 1859 von der tech-nischen Baudcputation genehmigt wurde. Oktober und November 1855 wurden dieSchlußblumen der Portale an der Süd- und der Nordseite aufgebracht und die Voll-endung der Schisse mit Einschluß des Dachreiters am 15. Oktober 1863 feierlich be-gangen.

Dreißig Jahre lang war es Zwirner vergönnt, als Dombaumcister thätig zu sein,und seiner Energie und seiner Hingabe an die große ihm gestellte Aufgabe ist es haupt-sächlich zu danken, wenn die Kölner Bauhütte in ihren Leistungen einen so erheblichenAufschwung nahm, daß dieselbe auf der Pariser Ausstellung von 1855 die goldeneEhrcnmedaille erhielt. Aus der Domhütte, das darf man nicht vergessen, gingen Männerhervor, wie Friedrich Schmidt in Wien, Vincenz Statz in Köln und F. Schwitz, derVerfasser des neuesten großen Werkes über den Kölner Dom . Zwirners Nachfolger, derLandbaumcister Richard Voigtel , der schon am 3. April 1855 bei dem Dombau ein-getreten war, fand sich vor eine außerordentliche Aufgabe gestellt, nämlich vor die derFertigstellung der Thürme. Der Aufbau dieser Kolosse mit der Aufbringung der Niesen-glocken, der Construction der Thurmhclme und der Versetzung der Kreuzblumen in einernoch nie dagewesenen Höhe ist an und für sich ein technisches Meisterstück, das den NamenVoigtels mit dem des Domes auf immer eng verbinden muß. Zu einer solchen Arbeitgenügt nicht die künstlerische Begabung, nicht die wissenschaftliche Befähigung, hier trittein anderes Moment hinzu: die Pflichttreue. Ohne diese letztere wäre eine solche Auf-gabe nie zu lösen gewesen, und Deutschland darf dem beneideuswerthcn Baumeister einenEhrcnkranz reichen mit der Aufschrift: inAenIo et virtuti. Das deutsche Volk hat sichaber auch selbst ein Ehrenzeugniß ausgestellt, indem es den königlichen Schutzherrn nichtverließ und unbeirrt durch politische Wirren und religiöse Zwistigkeiten dem kühnen Unter-nehmen seine Theilnahme nicht entzog. In Liebe hatte sich Alldeutschland zu-sammengefunden in den Dombauvercinen, die sich auch außerhalb bis Antwerpen undWien, ja, über das Meer hinüber bis Mexico erstreckten, und unter denen der bayerischeund Berliner Dömbaüverein sich besonders hervorthaten. Ueber 25 akademische Hülfs-vereine wirkten neben 190 Localvereinen, abgesehen von den ausgedehnten Sammlungen,die an Gymnasien und Elementarschulen ins Werk gesetzt wurden. DerDomgroschen",dieKathedralsteuer", die großen Summen aus Concerten von Franz Liszt in Berlin (1841), von Ferdinand Hitler in Nom (1842), vor allem von dem Kölner Männer-Gesangverein und zahlreichen Liedertafeln in Aachen, Brüssel, Münster und Neifse be-weisen, wie tief der Gedanke des Domausbaues überall Wurzel geschlagen hatte. DieSummen, die auf solche Weise theils aus Privatkreisen, theils aus öffentlichen Mittelnseit 1821 in die Dombaukasse geflossen sind, betragen bis heute 18 Milk. Mark, die soziemlich zu gleichen Theilen auf die Thürme und den Ausbau der Kirche selbst verwandtwurden. Diejenigen Summen, welche die frühern Jahrhunderte für das Gebäude auf-bringen mußten, namentlich diejenigen Gelder, die in den kolossalen Fundamenten ruhen,sowie die zum Ankauf benachbarter Grundstücke erforderlichen Opfer ergeben mindestenseinen ebenso hohen Betrag, so daß der Dom heute einen Gesammtwerth von 40 Mill.Mark repräsentiern wird. Höher anzuschlagen wie dieser materielle Werth ist die Be-deutung des Domes für die Zukunft als ein Vorbild und eine Schule gothischer Baukunst,für immer aber ist er ein Mehrer und Erhalter deutscher Einheit, er, der in den Jahrender größten Zerrissenheit unseres Vaterlandes ein gemeinsames Band zu knüpfen ver-standen hat.

König Wilhelm von Holland hat einst den Grundstein des Domes gelegt; so mögejetzt unter Wilhelm dem Deutschen die Weihe des vollendeten Werkes vollzogen werden,mit welchem die Erinnerung an Deutschlands Größe auf Jahrtausende hinaus verknüpftsein wird. Erscheint aber dieser frohe Tag, dann möge die Genossenschaft nicht säumen,durch rege Theilnahme, fern oder nah, die der Baukunst gebührende Stellung zu wahren.