Ausgabe 
(15.9.1880) 22
 
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Das Athmen und die AthmungSkur.

Wenn man erwägt, daß den Lungen allein die Aufgabe zufällt, das Blut zu reinigenund es in den Stand zu setzen, allen Theilen des Körpers immer frische Nahrungsstoffezuzuführen, wenn man ferner erwägt, daß die Lungen die Hauptorgane sind, durch welchedie verbrauchten Stoffe aus dem Körper ausgeschieden werden, so muß die Nothwendigkeit,sie in gesunder Thätigkeit zu erhalten und mit der für die Ausübung ihrer Functionenunerläßlichen gesunden Nahrung zu versehen, Jedermann einleuchten. Die gesunde Nahrungaber ist möglichst reine, sauerstoffhaltige Luft. Eben deshalb müssen aber auch die nach-theiligen Folgen, die sich ergeben, wenn man die Lungen mit Luft speist, die entwederschon geathmet war oder durch Gas ihres Sauerstoffes beraubt ist, klar vor Augen treten.

Bei sitzender Arbeit in ungenügend gelüfteten Zimmern ist die unwillkürliche Thätig-keit der Lungen nur schwach zu schwach, um das Blut durch den cingeathmetenSauerstoff gehörig zu reinigen, zumal wenn jede Körperbewegung fehlt, welche die Thätig-keit der Lungen beschleunigt und sie veranlaßt, eine größere Menge Sauerstoff einzu-athwen. Wenn die Lungen auf diese Weise Tag für Tag und Monat für Monat ihrernothwendigen Nahrung beraubt werden, so ziehen sie sich zusammen und wo eine An-lage zur Schwindsucht vorhanden ist, wird sie vollständig entwickelt.

Noch mehr, wenn durch die verminderte Thätigkeit der Lungen zu wenig von denverbrauchten Stoffen aus dem Körper ausgeschieden wird, so sammeln sich diese allmählichin demselben an und werden in Folge davon eine fruchtbare Quelle körperlicher Leiden.Auf diese Weise werden bei einem Individuum die Keime von Gicht entwickelt, währendbei anderen Schwindel und Kopfweh eintreten. Diejenigen, die an schwacher Verdauungleiden, werden ihre Beschwerden vermehrt sehen, indem Sodbrennen, Magendrücken undBlähungen sich säst nach jeder Mahlzeit einstellen. Diejenigen endlich, welche an Herz-klopfen leiden, werden eine Steigerung ihres Uebels wahrnehmen.

Wenn wir aber auch von den Übeln Folgen, welche eine systematische Entziehungder Luft auf den Körper auszuüben vermag, absehen wollen, so bleibt es doch eine un-leugbare Thatsache, daß die Fähigkeit für geistige und körperliche Arbeit in einem schlechtgelüsteten Gemach wesentlich vermindert wird. In diesem Falle wird es oft schwierig,die Gedanken auf einen Gegenstand gehörig zu concentriren; es zeigt sich öfters ein Ge-fühl von Tollheit und Schwere im Kopf, der Körper wird leicht ermüdet und eine all-gemeine Abspannung macht sich fühlbar.

Wenn sich dann endlich der Zustand der Gesundheit derart gestaltet, daß er derAufmerksamkeit nicht mehr entgehen kann, wie selten wird diest Aufmerksamkeit auf dasgerichtet, was der Körper in Wirklichkeit verlangt! Und wie oft setzen die Patientenihren ganzen Glauben nur einzig und allein auf Arzneien, während sie die Regeln einervernünftigen Lebensweise ganz vernachlässigen!

Seltsam, daß man das höchste Vertrauen nur auf Dinge setzt, die nicht immerleicht zu erlangen sind, während der Rath, tief zu athmen, die Lungen zur vollen Thätig-keit anzuregen und sie nur mit frischer Luft zu speisen, welche überall umsonst zu habenist, schon wegen seiner Einfachheit häufig genug mit Mißtrauen aufgenommen wird. Undes ist ja doch bekannt, daß das Leben erlöschen muß, wenn uns die Luft nur wenigeMinuten entzogen würde. Können wir angesichts dieser unleugbaren Thatsache uns nochdarüber wundern, daß die Gesundheit darunter leiden muß, wenn wir der Lunge einenTheil jener Nahrung entziehen, welcher nothwendig ist, um die wichtigsten Verrichtungendes Lebens in gehöriger Weise zu vollziehen?

Die Wichtigkeit der Athmungskur (Atmiatrie) kann gewiß nicht bezweifelt werdenund weisen wir daher kurz aus das Verfahren hin. Dasselbe besteht einfach darin, daßman in freier Luft oder an einem offenen Fenster mit hinter dem Kopfe zusammenge-falteten Händen, um durch Zurückwerfung der Schultern der Brust die gehörige Aus-dehnung zu geben, ties.einnthmet, den Athem einige Minuten hält und das Tiefathmen

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