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„Mgslmrger Pojheiümg."
nterüaktung^ökatt
9?r. 24. Mittwoch, 22. September 1880.
Wär' halb so leicht die That wie der Gedanke,
Wir hätten eine Welt voll Meisterstücke.
Rauppach.
Ein Opfer aus Kindesliebe.
Ein Bild aus dem Leben, erzählt von F. von Carncville.
Es war ein trüber, regnerischer Tag, als wir an einem Oktoberabend in eine derrheinischen Festungen einrückten, wo wir ein Jahr garnisoniren sollten. Ich werde nieden traurigen Eindruck vergessen, den es auf mich machte, als wir über die Zugbrückein den Ort einmarschirten; die Stadt an und für sich war klein, sie zählte nur ein paartausend Einwohner und war wohl ursprünglich nur ein Fischerdörslein; wenigstens deutetendie uralten, kleinen, niedrigen und düster aussehenden Häuser und die schlechten, schmalenund winkligen Gassen darauf hin; nur der neue Stadttheil, der allmälig entstand alsder Ort zur Festung umgestaltet wurde, hat bequemere und größere Gebäulichkeiten undes war da auch mehr Sorgfalt auf die Straßen und Plätze verwendet. Die nähereUmgebung war nichts weniger als anmuthig; ringsum Gräben, Mauern, Festungswerke,Sümpfe und Tümpels, welch' letztere die Stadt höchst ungesund machen, so daß dasFieber unter den Einwohnern heimisch ist.
In den ersten Tagen war mir der Aufenthalt in dieser finstern, rauchigen Stadtrecht unheimlich und ich glaubte gar nicht an die Möglichkeit, daß es Menschen gebenkönnte, die von Geburt aus hier lebten und hier starben, ohne von der übrigen Weltetwas gesehen zu haben; und doch gab es viele solche, die diesem Schicksale verfallenwaren, die keine andere Zerstreuung kannten, als ihre tägliche Arbeit, mit der sie ihrmonotones Leben fristeten und damit die Mittel erwarben, um ihre armen Kinder zunähren und ihnen die Betrübniß vergessen zu lassen, wenn der Himmel grau und düsterwar und sie in ihren gefängnißartigen Keuchen zurückhielt, wo sie selbst das entbehrenmußten, was der liebe Gott sonst allen Menschen gegeben hat, Licht, Luft und Himmel.
Und in diesem Erdenwinkel sollte ich ein ganzes, langes Jahr verleben! — —aus dieser Zeit will ich denn meinen lieben Lesern eine Episode erzählen, welche mirdies traurige Einerlei einigermaßen verkürzte.
Wie es eben in einer Festung ist, hat man da nur ein oder zwei Ausgänge, umin die Umgegend zu gelangen und so mußte ich um aus dem nördlichen Festungsthorzu kommen, die krummen Straßen des alten Stadttheils passiren, wo ich zur Abkürzungdes Weges meist noch einen schmalen Nebenweg einschlug, der mehr einer Treppe gliech,denn der Boden war staffelförmig ausgetreten, bis man wieder in die größere Straßegelangte. Wenn ich immer diesen Weg verfolgte, dachte ich wohl an nichts anderes,als an das freie, offene Land, das ich nun bald erreichen sollte, und kümmerte mich umnichts weiter. Eines TageS hasteten meine Blicke aber zufällig auf einem armseligen,