kleinen Häuschen/ das wohl nur von ein payr Menschen bewohnt sein mochte, denn eshatte nur zwei niedrige Fenster und dazwischen eine Thüre. Die Mauer war von Altergrau und das Fensterglas in den kleinen Kreuzstöcken, war eine dicke, grünliche Masse,durch welche der Tag nur schwach dringen und das Innere der Wohnung kaum genügendbeleuchten konnte. Bedenkt man noch das schmale Gäßchen, rückwärts hinter den Häuserneine hohe Festungsmauer, so. mag man sich eine Vorstellung von diesen Wohnungenmachen, in die nie ein Sonnenstrahl schien. — Im Winter, wo der gefrorene Schneeauf den Stufen dieser kleinen Gasse lag, war es wiälich gefährlich zu gehen; ich begegneteauch nie einem Menschen auf diesem Wege, da er wohl seiner Abgelegenheit halber,möglichst gemieden wurde.— Dies besagte Häuschen mochte wohl nur von alten Leutenbewohnt sein, die von der Außenwelt, so zu sagen, Abschied genommen halten, denn.eswäre wahrhaft schauderhaft gewesen, wenn eine junge Person darin hätte leben müssen.
So oft ich vorüberging fand ich immer Alles geschlossen, Alles still, als wäre esganz unbewohnt und schließlich ging ich, ohne irgend mehr darauf Acht zu haben, daranvorüber; so wich allmälig der Winter und man glaubte sich nun bald des schönen Früh-lings freuen zu können; aber eitle Hoffnung. Nun trat der Rhein mit seinen Bächenund Flüssen aus, überschwemmte die ganze Umgegend und verwandelte das Land ringsumin einen Morast, der namentlich die Nordseite ganz unpassirbar machte und ich mußtemeinen Spaziergang zum anderen Thor hinaus machen, wo es etwas weniger morastigwar. —
Als ich endlich meine gewohnte Promenade wieder unternehmen konnte, warenwir schon in den ersten Tagen des Juni und wer beschreibt mein Erstaunen, als ich indem mehrerwähnten Häuschen ein Gläschen mit einem hübschen Veilchenstrauß am Fenster-gesimse stehen sah.
Diese Wahrnehmung betrübte mich fast (man verzeihe mir den Ausdruck) dennwer Blumen liebt, muß — wenn auch eben nicht jung sein, aber doch wohl eine freudigeErinnerung an die Jugend haben, und kann für das materielle Leben noch nicht völligabgestorben sein, auch verräth es gewissermaßen eine Krrte.Heele, wenn eine Persönlichkeitin dem Wohlgeruche einer Blumö noch einen Genuß findet; — ich hätte daher wissenmögen, wer diese zarten Blümchen, hier pflegte, weil sie mir sagten: sie gehören Jemanden,der da leben und in diesem trübseligen Winkel Licht, Sonne und Glück entbehren mußte,Jemanden, der wohl Alles fühlt, was ihm mangelt, und wenn auch sonst arm an Genüssen,doch mindestens Freude an diesem Veilchenstrauß fand. — Kurz gesagt, es interessirtemich jetzt zu wissen, wer hier wohne und ich hätte gewünscht, ihm diese Veilchen, die erso zu lieben schien — recht lange erhalten zu können.
Andern Tags regte sich schon die Neugicrde in mir, als ich gegen das Häuschenkam; die Veilchen waren noch da, aber nicht mehr recht frisch, obwohl sorgsam gepflegt;das Fenster, war heute mehr geöffnet und damit drang ein wenig Helle, ich will nichtsagen Sonnenschein, in den inneren Raum Und warf einen Lichtstreifen in's Zimmer,daneben herrschte aber gleich wieder Dunkelheit und ich vermochte nichts zu unterscheiden.
Der nächste Tag war ein Sonntag, es war sehr warm — alle Vöglein sangen,taufende Insekten summten, Alles glänzte in der Sonne, überall herrschte Freude undLeben, nur das Häuschen war gleich traurig, wie immer, aber diesmal sah ich eineFrauensperson am offenen Fenster sitzen, die über eine Handarbeit gebeugt war.
Der erste Blick, den ich auf dieses Fraüenbild warf, vermehrte noch die Traurigkeit,die mir schon der erste Anblick dieser Behauptung bereitete; ich ging langsam, um sie'anger betrachten zu können, und in die Nähe gelangt, glaubte ich, daß sie nicht mehr,ung, vielleicht auch nicht hübsch, oder nicht mehr hübsch sei. Ihr Aussehen war bleich,kränklich und traurig; aber ihre Züge schienen sanft und wenn sie leidend und ältlichaussah, mochte es vielleicht auch von vorübergehendem Kummer herrühren; sie hatte einreiches, schwarzes Haar, ihre Hände waren weiß; sie trug ein braunes Kleid, eine schwarzeSchürze und eine weise Halskrause; alles einfach aber reinlich und sorgfältig gehalten.