Ausgabe 
(22.9.1880) 24
 
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Das Veilchenbouquet, was zwei Tage am Fenster geprangt hatte, war vorn am Kleid-ausschiritt angebracht, damit nichts von dem Wohlgeruche der abwelkenden Blumen ver-loren ging.

Als ich ganz nahe am Fenster war, sah sie auf; ich grüßte sie und sie danktefreundlich und bescheiden. Nun sah ich sie genauer. Sie war noch jung, offenbar warsie aber leidend, doch zeigte ihre Physiognomie von Ruhe und Ergebung, dies sagte ihrBlick, ihre Haltung und ihr Aussehen. Es gibt -Leute, mit denen man nicht zu sprechenbraucht, deren man sich aber doch gut und gern erinnert, wenn man sie auch nur kurzeZeit gesehen hat.

Jeden Tag fand ich sie nun an demselben Platze; sie erwiderte immer meinen Grußsehr höflich und später fügte sie noch ein trauriges Lächeln hinzu; sonst wußte ich nichtsvon ihr; es befremdete mich, sie immer zu Hause zu treffen, sie konnte deshalb keinegewöhnliche Arbeiterin sein und die Armuth, die rings um sie herrschte, ließ auch nichtannehmen, daß sie ohne zu arbeiten, leben könne; ich traf sie auch häufig an elegantenStickereien, die bei ihrem einfachen Anzüge doch nicht für sie gehören mochten; sie arbeitetealso doch wohl gegen Bezahlung. Am darauffolgenden Sonntag sah ich sie nicht, auchwar Alles zu; Tags darauf saß sie aber wieder am Fenster und wieder stand ein kleinesVeilchenbouquet vor ihr am Gesimse; so war sie also am Sonntag wohl irgendwogewesen, wo ihr die schönen Blumen zu Theil wurden. Als ich dem Fenster nahe war,hörte ich eine fast gebieterische StimmeUrsula" rufen; es war eine weibliche Stimmeund der Ton war nichts weniger als liebevoll. Ursula gehorchte diesem Rufe nicht wieeine Magd und doch gab sie in der Art, wie sie dem Rufe folgte, eine gewisse gut-müthige Dienstfertigkeit kund, und wie man auf alles Rücksicht nimmt, wenn man sichfür Jemand interessirt, so meinte ich, selbst aus diesem geringen Anzeichen entnehmen zukönnen, daß sie wohl von denen nicht geliebt war, mit denen sie lebte daß sie vielleichtsogar Übel behandelt wurde während ihre sanfte Natur ihnen trotzdem mit Liebebegegnete.

So verfloß die Zeit und jeden Tag wurde ich mehr eingeweiht in das Leben derarmen Ursula, obgleich ich um ihre Geheimnisse zu errathen, kein anderes Mittel hatte,als täglich an ihrem offenen Fenster vorbei zu promeniren.

Wie ich bereits erwähnte, lohnte Ursula die ihr geschenkte Aufmerksamkeit beimeinem Vorbeigehen stets mit einem freundlichen Lächeln und so erlaubte ich mir denneines Morgens die Freiheit, einen Strauß von Feldblumen auf ihr Fenster zu legen.Ursula erröthete, dankte mir aber mit einem noch freundlicheren Lächeln als gewöhnlich. Ich wiederholte nun die Freiheit so oft ich von meinen Spaziergängen heimkehrteund fügte später den Feldblumen auch hübsche Gartenblumen bei und so prangten dennstets Blumensträuße am Fenster Ursula's und zierten das traurige graue Häuschen miteinem kleinen Fenstergärtchen, an dem ich selbst meine Freude hatte.

Eines Abends als ich in die Stadt zurückkehrte, traf es sich, daß mich ein Ge-witterregen überraschte, just als ich in die Nähe der mchrerwähnten Wohnung kam, undUrsula, die mich erblickte, verließ schleunigst ihren Platz, öffnete die Hausthüre und ludmich zum Eintreten ein, welcher Einladung ich auch bereitwilligst folgte. Als wir inden Uurgang traten, der vor ihrem Zimmer lag, bot mir das arme Mädchen freund-lichst die Hand und drückte mit einem thränenfeuchten Blick mir schüchtern ihren Dankaus. Das war das Erstemal, daß wir uns sprachen. Ich trat mit in ihr in's Zimmer.

Dieser Raum, in dem Ursula gewöhnlich arbeitete, schien die Wohnstube zu sein.Der Boden war mit rothen Steinplatten ausgelegt, zwei einfache Strohstühle, die amFenster standen und ein paar alte Wandkäftchen bildeten die ganze Einrichtung desVord«theils der Stube. Das Gelaß war lang und schmal, nur von dem einzigen kleinenFenster, das auf die Straße ging, spärlich erhellt und dumpf und feucht.

Ö, wie sehr Recht hatte Ursula ihren Platz am offenen Fenster zu wählen, umnur ein wenig Luft und Licht zu genießen. Nun begriff ich die Bläffe des armen