Kindes, das war nicht verlorene Frische, sie war nicht zu verlieren, denn sie bestandwohl von Anbeginn nicht.
Als ich mich näher in dem Zimmer umsah, erblickte ich rückwärts in einem düsternWinkel der Stube, auf zwei etwas bequemeren Stühlen, zwei Personen, die ich anfänglichin der Dunkelheit gar nicht gleich beobachtet hatte. Es war ein Greis und eine alteFrau; diese strickte fern vom Fenster, ohne etwas zu sehen, mechanisch fort. Der alteMann that gar nichts, er stierte theilnahmslos vor sich hin. Er hatte die gewöhnlichenGrenzen des Lebensalters überschritten, sein Körper allein existirte nur noch, man durfteihn nur anschauen, um zu erkennen, daß er wieder zum Kinde geworden war.
Welch' trauriges Bild bot dieser Raum in seiner Vereinsamung, seiner Stilleund Düsterheit! — Ein blödsinniger Greis, eine alte erblindete Frau, ein armes, vor-zeitig verblühtes Mädchen, deren Jugend durch diese alten, für das Leben abgestorbenenLeute vergällt, deren Gesundheit innerhalb dieser dumpfen Mauern, die sie gefangenhielten, untergraben wurde.
Aber so traurig ich mir das Schicksal Ursula's auch vorstellte, so übertraf doch dieWirklichkeit nach meinen Voraussetzungen, wie aus ihrer Lebensgeschichte hervorgeht, diesie mir eines Tages, als ich bei ihr am Fenster saß, treuherzig mittheilte.
„Ich bin", so erzählte sie mir, „in diesem Hause geboren, und habe es seit meinerGeburt nicht verlassen; meine Eltern sind aber nicht von hier, sie sind hier eingewandertund wir stehen völlig allein, ohne Freunde, ohne irgend welche Verbindung; sie warenschon in den Jahren vorgeschritten, als sie heiratheten. — Meine Mutter erblindete unddies herbe Unglück trübte ihren Charakter. In unserem Hause war es immer ernst undgemessen, Alles war still und freudlos um mich her, man duldete nicht den geringstenLärm von mir und ich wußte während meiner ganzen Lebzeit nicht einmal, daß ich durcheinen Gesang, diese Stille unterbrochen hätte. — Nie ward mir irgend eine LiebkosungSeitens meiner Eltern zu Theil und dennoch liebten sie mich, gaben es aber in keinerWeise kund. Ich beurtheilte ihr Herz nach dem meinen, ich habe sie geliebt und zweifeltedaher nie, daß ich auch von ihnen geliebt wurde. — Doch war mein Leben nicht immerso traurig, wie gegenwärtig, ich besaß eine Schwester ..... ."
Die Augen Ursula's wurden naß, aber es flössen keine Thränen — sie warengewohnt verborgen zu bleiben. Sie fuhr fort:
„Ja, ich hatte eine ältere Schwester, sie war wie meine Mutter, still und schweig-sam, war aber sonst, mitfühlend und liebreich mit mir. — Wir liebten uns innig undtheilten uns völlig in der sorgsamsten Pflege unserer Eltern. — Niemals genossen wirdas Vergnügen uns zusammen, außen, der schönen Natur zu freuen, und die schönenUfer des Rheins, die herrlichen Waldungen und die reizenden Höhen zu genießen. Einevon uns mußte stets zu Hause sein, den alten, gebrechlichen Vater zu pflegen, der blindenMutter hilfreich beizustehen. Die aber, der gegönnt war auf kurze Zeit in's Freie zugehen, brachte dann einige Hagedornzweige heim, die sie an den Hecken gepflückt hatteund erzählte von der Sonne, von den Bäumen, von der frischen erquickenden Luft, waswir hier Alles entbehren mußten. So glaubte dann die Andere bei diesen Erzählungen,sie habe dieses Alles mitgenossen. — Abends arbeiteten wir zusammen beim Lichte derLampe , dabei durften wir aber nicht sprechen, da unsere Eltern neben uns stets ein-geschlafen waren, aber doch, wenn wir von unserer Arbeit aufsahen, begegnete jede vonuns einem liebevollen Lächeln der Andern; wir schliefen beide in einem Zimmer undgingen nicht zu Bette, ohne daß wir uns nicht geküßt und „gute Nacht, schlaf wohl!"gesagt hätten.
„Der liebe Gott hätte uns beisammen lassen sollen, nicht wahr? — aber dochich murre nicht, — Martha ist ja glücklich da oben."
i (Schluß folgt.)