Ausgabe 
(25.9.1880) 25
 
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Nr. 25.

1880.

zur

Angslmrger Po jheituug."

Samstag, 25. September

Willst Du Großes, laß das Zagen,

Thu' nach kühner Schwimmer Brauch!

Rüstig gist's die Muth Zu Wagen,

Doch es -rügt die Fluch Dich auch. G-ibel.

Ein Opfer aus Kindesliebe.

fEin Bild aus dem Leben, erzählt von F. von Carneville.

(Schluß.)

^ch weiß nicht war es Mangel an Luft und Bewegung oder war es unser traurigesGeschick, das den Keim zu Martha's Krankheit legte; aber ich sah sie täglich schwacherund leidender werden. Ach, nur ich allein machte diese Wahrnehmungen und beunruhigtemich ihrethalben; meine Mutter konnte sie nicht sehen und Martha beklagte sich nicht,und mein Vater war schon damals in dein Zustande der Empfindungslosigkeit, indem Sie ihn heute sehen. Erst später vermochte ich meine Schwester dahin zu bringen,einen Arzt zu Rathe zu ziehen; aber es ivar zu spät, er konnte nicht mehr helfen, siekränkelte noch einige Zeit, dann starb sie.

Vor ihrem Tode, ich saß weinend an ihrem Bette, ergriff sie meine Rechte mitihren zitternden Händen und sagte, mich liebevoll anblickend:Lebe wohl, meine armeUrsula! Ich bemitleide nur Dich allein auf Erden; aber sei guten Muthes, pflegesorgsam unsere armen Eltern, sie sind gut, sie lieben uns, wenn sie es auch nicht kundgeben. Schone ihretwegen Deine Gesundheit, erhalte Dich ihnen, denn Du darfst nichtvor ihnen sterben. Gott befohlen, liebe Ursula, weine nicht zu viel, bete fleißig undnun auf Wiedersehen Ursula!"

Drei Tage darauf trug man meine arme Martha, in einen Sarg gebettet, ausdem Hause und ich blieb allein bei meinen Eltern.

Als ich meiner blinden Mutter den Tod Martha's verkündete, stieß sie einenSchmerzensschrei aus, erhob sich von ihrem Sitze, wankte noch einige Schritte vorwärts,sank dann in die Kniee, weinte und schien zu beten. Ich näherte mich ihr dann undleitete sie auf ihren Stuhl zurück. Seitdem hat sie nicht mehr geweint, aber schweig-samer ist sie geworden, und öfter als sonst, sah stch die Korallen des Rosenkranzes durchihre Finger rollen.

Ich habe nun fast nichts mehr zu erzählen. An dem geringen Vermögen, das wirbesaßen, haben wir empfindliche Verluste erlitten; ich verschwieg es aber meinen Eltern,und suchte durch Handarbeiten, die ich heimlich verkaufe, und für die ich gerne Abnehmer-finde, diese Verluste zu ersetzen. Seit meine Schwester todt ist, habe ich mit NiemandenUmgang. An den Sonntagen gehe ich ein wenig inS Freie, ich gehe jedoch nicht weit,,da ich immer allein bin, und auch fürchte, meine Eltern möchten meiner bedürfen undmich vermissen.