Ausgabe 
(25.9.1880) 25
 
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An diesem Fenster träumte ich oft, viele Hoffnungen malte ich mir in schönenBildern aus, aber mein Geschick blieb dasselbe, Jahre um Jahre flössen einförmig dahin,und so habe ich 29 Jahre erreicht, Traurigkeit hat mehr als die Jahre mein Gesichtgealtert; damit ist Alles gesagt! ich erwarte nichts mehr, ich hoffe nichts mehr undwerde so mein einsames Leben beschließen. Ich denke nur immer an die letzten WorteMartha's:Auf Wiedersehen, liebe Schwester", ich bete oft, ich weine selten und inleidender Ergebung lebe ich dahin! Damit habe ich Ihnen meine Lebens- und Leidens-geschichte erzählt, was ich Ihrer freundlichen Theilnahme halber, Ihnen schuldig zu seinglaubte.-Und Sie, Sie sind wohl glücklich?"

Ich antwortete nicht auf die Frage Ursula's, denn einem Unglücklichen gegenübervon Glück zu sprechen, vermehrt noch seinen Kummer über sein Mißgeschick.

Ich setzte meine Besuche bei Ursula fleißig fort, ich war ihr im wahren Sinn desWortes ein Freund geworden und sie dachte schon mit Bedauern der Zeit, wo ich denbisherigen Aufenthalt wechseln würde. Da traf zu unserer großen und aber nicht freu-digen Ueberraschung der Befehl ein, daß wir noch ein weiteres Jahr in dieser Festungzu garnisoniren hatten, was Ursula nicht wenig zu trösten schien.

An einem Herbstabend, als ich eben wieder meinen gewohnten Spaziergang machenwollte, besuchte mich ein junger Mann, Bahnbeamter im nächstgelegenen Städtchen, denich kennen und schätzen lernte. Als er mich eben am Ausbrechen traf, bot er sich an,mich zu begleiten und wir schlugen dann den bekannten Weg ein. Ich weiß nicht mehr,wie die Rede darauf kam, aber ich sprach von Ursula und von dem Interesse, das ichfür sie hegte, und als der junge Beamte, den ich Moritz Erwald nennen will, Gefallenan meiner Erzählung fand, gingen wir langsamer und als wir das graue Häuschenerreicht hatten, wußte er bereits die ganze Lebensbeschreibung Ursula's. Natürlich schauteer sie nun mit Interesse und Mitleid an, als er sie am Fenster sah; er grüßte sie undverabschiedete sich dann von mir. Ursula, betreten durch die Gegenwart des Fremden,da sie nur mich zu sehen erwartete, erröthete und ich muß gestehen, ich fand sie wirk-lich hübsch.

Es war seitdem geraume Zeit verflossen, als ich von einem Spaziergange zurück-kehrend, wieder auf Erwald traf. Er begleitete mich, ich sagte ihm, daß ich Ursulabesuchen wolle, und ich weiß nicht wie, aber es kamen mir plötzlich allerlei Gedanken, diemich schweigsam machten und ich meinte, dieser junge Mann müsse diese Gedankenerrathen. Es war ein wunderschöner Herbstabend kein Blatt an den Bäumen bewegtesich, die von den letzten Strahlen der Abendsonne beleuchtet waren, und inmitten dieserschönen Natur, gab man sich unwillkürlich einer Stimmung hin, die die Seele bewegtund in der wir gewissermaßen besser werden. So erreichten wir denn das schmaleGäßchen mit seinen düstern Mauern; ich gewahrte bereits Ursula am offenen Fenster,das von einem schwachen Strahl der scheidenden Sonne beleuchtet war.Da ist Ursula,um auch den schönen Abend zu genießen, soweit er sich in diesem traurigen Winkelgenießen läßt", hub ich an, als ich seine Aufmerksamkeit sah, mit der er sie betrachtete,indem wir uns dem Hause näherten. Die auf sie gehefteten Blicke, brachten das armeKind, das in dieser Beziehung noch schüchtern war, wie mit fünfzehn Jahren, sichtlich inVerlegenheit, als wir an ihr Fenster traten. Ich sprach mit ihr und Erwald mischtesich zeitweise in unser Gespräch, verabschiedete sich aber bald, Ursula freundlich grüßend.Seit dieser Zeit passirte er auch oft diese Gasse, wenn er in die Stadt kam, und grüßteUrsula freundlichst. Einmal als er wieder bei mir war, lud ich ihn ein, mit mir beiMartha einzutreten.

Wir unterhielten uns mit gewöhnlichen Gesprächen; Ursula begegnete den BlickenErwald's. wie sie den meinigen begegnet war, es war immer das Bild einer mutorüolornkm!

Was Erwald anbelangt, so war seine große Theilnahme für das gute Geschöpfunverkennbar und diese Empfindung entsprang sicherlich seiner Zuneigung für sie; dabei