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war das Gemüth des jungen Mannes ein wenig exaltirt und träumerisch, und die Traurig-keit, die Ursula umgab, übten auf ihn einen eigenen Reiz aus.
Ein paar Wochen später begleitete mich eines Abends Moritz Erwald auf einemSpaziergange und stellte dabei u. A. die Fragen an mich: „Halten Sie nicht dafür, daßein besonderes Glück darin besteht, das Glück eines uns theuren Wesens zu gründen?
— liegt nicht in der Freude, die man Anderen bereitet, eine ungemeine Genugthuungfür sich selbst? — Eine edle, gefühlvolle Seele, die durch die Ungunst der Verhältnisse,bereits für das Leben abgestorben ist, wieder zu erwecken, sie dem Leben wieder zu gewinnen
— ist das nicht ein schöner Traum?"
Ich sah ihn mit fragendem Blicke an.
„Ja", sagte er, „ich habe überlegt, fragen Sie Ursula, ob sie geneigt wäre michzu ehelichen, ob ihr das Schicksal, das ich ihr mit aufrichtigem Herzen zu bieten vermag,genügt." —
In der That ich war höchlichst erfreut über dies Geständniß und versicherte ihn,daß ich mich dieser Mission mit Vergnügen unterziehen wolle und mich zu diesem Behufeaugenblicklich zu Ursula begeben würde.
Als ich bei Ursula eintraf, fand ich sie an der gewohnten Stelle, arbeitend undtraurig träumend. Die stete Einsamkeit, die traurige Einförmigkeit in dieser abgelegenenGasse, diese trübselige nächste Umgebung, alles hat ihre Seele verkümmert und ein-geschläfert. Sie lächelte, als sie mich erblickte; dies war auch aber die einzige Bewegung,die sie zeigte. — Ich war sehr begierig, wie sie meine Anfrage aufnehmen würde, ichwollte sehen, ob das Leben bei ihr nur abwesend, oder ob es bereits vollkommen er-loschen war.
Ich setzte mich ihr gegenüber, faßte ihre beiden Hände und sie fest anblickend, sprachich zu ihr: „Ursula, Moritz Erwald hat mich beauftragt Sie zu fragen, ob Sie seineFrau werden wollten."
Das arme Mädchen war wie vom Blitze getroffen; Thränen schössen in ihreAugen, ihr Blick gewann Leben; — ihr Blut, so lange zurückgehalten, pulsirte in kräf-tigen Schlägen, und ihr Gesicht überzog eine lebhafte Nöthe. — Ursula war nur ein-geschläfert, nicht abgestorben. — Wie die Stimme des Herrn zu jenem todten Mädchensagte: „Steh' auf und geh'!" — ebenso sagte die Liebe zu Ursula: „Erwache!" —
Ursula liebte; vielleicht, daß sie ihn schon im Stillen liebte, und jetzt der Schleierriß, der diese Liebe ihr selbst verhüllt hat. — Einen Moment darauf drückte sie ihreHand gegen die Stirne und sagte leise: „wäre es möglich?"
Ich konnte nur meine Worte wiederholen: „Ja, Moritz Erwald fragt, ob Sieseine Frau werden wollen?"
„Seine Frau?"-Und sich auf ihre blinde Mutter stürzend, rief sie ihr
entgegen: „Mutter, habt ihr gehört? Er begehrt mich zur Frau!"
„Mein Kind", antwortete die arme Blinde, die Hand Ursula's suchend, „meingeliebtes Kind, Gott wird früh oder spät Deine Tugenden belohnen."
„Mein Gott !" rief Ursula, „was begegnet mir heute? — Moritz verlangt michzur Frau, und meine Mutter nannte mich ihr geliebtes Kind!"
Thränen in ihren Augen schwieg sie, sie schien still für sich zu beten.
In diesem Augenblicke ging die Hausthüre und Schritte wurden im Vorflötzshörbar. —
„Das ist er!" rief Ursula sich rasch erhebend und ihre Hände über die Brustkreuzend, fügte sie bei: „Mein Gott, so ist denn hier Innen wieder neues Leben erwacht!"
Ich verließ das Haus, Erwald grüßend und ihm verkündend, daß sein Begehrengute Aufnahme fand. — Ursula war wahrlich schön in ihren Thränen und in ihrerAufregung.
Seit diesem Tage war Ursula wie umgewandelt. Sie lebte neu auf, sie verjüngtesich unter dem süßen Einfluß ihres Glücks und mit dem Leben kehrte auch ihre Schön-