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zur
„Augslmrger Postzeitung."
Nr. 26.
Mittwoch, 29. September
1860.
Die Vorsicht ist nur eine kleine TugendZum Hausgebrauch; allein verachte nichtDie Lampe, denn nicht immer sunkeln Sterne.
" Kohebue.
Allein!
Skizze aus dem sicbenbürgisch-rumänischen Volksleben.
Er hatte Niemanden auf Gottes weitem Erdboden, der kleine Jlissia; er war soarm und verwaist und verlassen, wie kein zweites Geschöpf mehr im ganzen Dorfe. UndGyogy ist doch ein großes Dorf; Jlissia brauchte wohl zehn, zwölf Stunden und mehr,um die Runde durch den Ort zu machen; freilich lag ein Haus vom andren oft eineStunde weit entfernt, aber deshalb war Gyogy doch der größte und schönste Ort, denJlissia je im Leben gesehen. Und in diesem ganzen, großen Dorfe hatte er Niemanden,,der sich um ihn jemals gekümmert hätte; nie hatte ihn Jemand gefragt, ob er friere,oder hungere, ob er eine Schlafstelle, ein Obdach habe, niemals, wie man das Lögleinim Walde, das Blümlein am Berghange niemals fragt, wovon es lebe. Und sie lebendoch, Oumn^o 2ou (der liebe Herrgott) beschirmt und beschützt, kleidet und nährt sie,und den kleinen Jlissia und alle armen Waisen auf Erden, unter welchen Jlissia gewißder beste, der klügste und — der ärmste Knabe war. Seine Kleidung bestand aus einemgroben, weißen Hemde und einem Hute von Stroh, dessen Krämpe schon längst dahinging,wohin der zerfaserte, zerknüllte Hut selbst ihr wohl auch in Bälde folgen mußte. Derkleine Mann — wir dürfen ihn trotz seiner fünf Jahre kein Kind mehr nennen, denner war selbstständig und aß Niemandens Gnadenbrot» — der kleine Mann war einhübscher, gesunder Junge, mit vollen Wangen, blondem, dichtem Haarwuchse und großen,blauen Augen, mit denen er gar drollig ernst vor sich Hinblicken konnte, wenn er vonden anderen Kindern verspottet wurde.
Er lebte im Sommer von dem Obste, das er sich von den Bäumen geholt, undim Winter von jenem, welches er sich im Sommer beiseite gelegt hatte; auch trug erim Sommer zuweilen Obst in die Stadt zum Verkaufe; den Erlös legte er dann gleich-falls hübsch bei Seite, um sich daraus im bitter-kalten Winter ein Stück Maisbrod zukaufen; seine Wohnung war eine Höhle, die er — da sie im Sommer kühl, im Winterwarm war — nicht um einen Palast vertauscht hätte. So lebte er für sich hin, allein,ohne die Menschen zu lieben, ohne mit ihnen zu verkehren. Der Kleine war ein Menschen-feind; er hatte mitansehen müssen, wie die Menschen seine verwittwete, arme Muttersterben ließen, ohne ihr die geringste Hilfe zu gewähren; da lernte er die Menschenhassen. Nur ein Band gab es noch, das ihn an die Menschheit knüpfte: er hatte einenBruder, ein vierzehnjähriges, krüppelhaftes Wesen, mit einem Knorpelknoten an derStelle des Rückens, mit fahlen, durchsichtigen Wangen, das sich nicht rühren und nichtregen konnte und den ganzen Tag über auf dem trockenen Laub kauerte, das ihm in der