Höhle als Lagerstelle diente. Jlissia ging jeden Morgen hinaus, um dem kranken Bruderin einer Kürbisschale frisches Wasser zu bringen und von den Bäumen das schönste Obstin das dunkle Gemach zu tragen, welches die Natur so verschwenderisch mit glitzerndenTropfsteinen ausgestattet hatte. Als er eines Morgens mit gar schönen, rothbackigenAepfeln heimgekehrt war, da wollte der krüppelhaste Juon nicht in das liebe, hölzerneLachen ausbrechen, welches er sonst immer hören ließ, wenn er sich freute; er lag stillund zusammengebrochen — todt auf seinem Laubbette. Man schleppte den Leichnam indie Stadt und zerschnitt ihn dort gar fürchterlich, trotzdem Jlissia am Fenster so jämmer-lich schrie, als ob die Messer in seiner eigenen Brust gewühlt hätten. Als er wiederheimkam, da trug er den glühendsten Menschenhaß in seiner Brust, der je eine Seelegequält hat. Und nun war er ganz, ganz allein!
So lebte er traurig und einsam fort, durchzog die Schluchten und Thäler desGebirges und klagte sein Leid den Bergen und dem ungestümen Sturzbache. Die ersterentrösteten ihn mit ihrem Echo, der letztere mit seinem heimlich süßen Rauschen. . . . Nurdie Menschen blieben stumm, diese Geschöpfe mit Seelen aus Eis, mit Herzen aus Stein,die ihm Alles genommen, was ihm lieb und theuer war.
Auf den Bergen, da wächst die Hollunderstaude; von dieser schnitt er sich einenAst und schnitzte aus demselben eine Flöte; die blies er so klangvoll-weich, so süß-melancholisch, daß alle Vöglein erstummten, wenn er sein Lied ertönen ließ. Das LiedHingt allenthalben im Munde des rumänischen Volkes:
„Wem die Mutter abgestorben,
Lebt in Kummer, Qualen, Sorgen,
Kleidet er sein Leid in Worte,
Weiß mans's gleich im ganzen Orte."
Eines Tages — 'er war unterdeß wohl schon achtzehn Jahre alt geworden —->ang er wieder sein Lied und da hörte er den Wiederhab! seiner Worte viel schmelzender,weicher, als er sie selber gesungen. Er achtete nicht darauf, denn mit seinem Alterwuchs auch der namenlose Menschenhaß in seiner Brust, wie die eingekerbten Buchstabenim Baumstamme mit den Jahren immer größer und vertiefter werden. Doch kehrte eran diese Stelle nicht mehr wieder. Tags darauf streifte er einen andern Berg entlangund das Spiel des Echos verfolgte ihn wieder. Und als er fort wollte, da stand einjunges Mägdlein vor ihm, und sagte: „Hör' mal, Jlissia, Du bist dem „Oraku" (Teufel)verfallen! Warum kotnmst Du nicht unter uns Menschen? Es ist so schön beim Tanzepnd ich möchte so gern einmal den Ardeljan mit Dir tanzen."
Sie hatte gut reden; er würdigte sie nicht einmal eines Blickes, als er erwiderte:
„Wirst wohl nicht wünschen, daß ich mit Euch wie ein Narr herumspringe!"
„Da sieh' mal den Brummbären an!" gab das Mädchen zurück^ „Haben Recht,die Mädel im Dorfe, die Dich immer den ^lstrou" (den Bären) neniM."
Trotzig erhob er die Augen, doch sowie diese die liebliche Gestalt vor sich sahen,verwandelte sich ihr wüthender Blick in einen Blick voll staunenden Schreckens. Niehatte er ein schöneres Bild gesehen, als diese halbentwickelte Mädchengestalt, vorn undhinten über das Gewand herabfallend die Katrincza (Schürze) aus buntgewebtem Stoffe,das Haar in zwei Zöpfe geflochten, deren einer über die Stirne geschlungen war, umsich rückwärts wieder mit der Hauptflechte zu vereinigen. Das ist so die Tracht derBauernweiber im Marosthale.
Und mit diesem Blick war es um Jlissia's Menschenhaß geschehen. Er ging fortanunter die Menschen, er suchte und fand Arbeit, er tanzte wohl auch manchmal" mit seinerzl'a.ta« (Maid), die ihn der Welt und die Welt ihm wiedergegeben. Er war nicht mehr— allein. Die trauten Thäler wüßten viel von seinem Liebesglück zu erzählen. Inseinem Herzen ward es stürmisch, wie in jeder Brust, aus welcher der Haß auszieht, umder Liebe Raum zu geben. Die kleine Flöte hatte das alte, traurig-süße Lied desWaisenknaben vergessen und sang dafür von frischer, rosenrother Liebe: