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„Stiller Lusthauch, frag' sie drüben:
Süßes Täubchcu willst mich lieben?
Stilles Lüftchen kam zurückeSang von süßem Liebesglücke."
Jetzt lauschte er nicht mehr dem Echo der Schluchten, dem Rauschen des Sturz-baches, denn nach dem Liede mußte er sich küssen und umarmen lassen und selbst küssenund umarmen. Er vergaß sogar allmälig, daß es je eine Zeit gegeben, da er alleinwar und verlassen.
Da kam eines Tages der gestrenge Herr Stuhlrichter mit mehreren Herren insDorf und ließ die Bursche unter's Maß stellen und ihren Körper visitiren, und wenn sieeinem auf die Schulter schlugen und dabei „Tauglich" riefen, dann mußte dieser in einZimmer hinein, wo man ihn beeidete. Oh, das waren fürchterliche Artikel, die er dabeschwören mußte, der arme Jlissia. Jede zweite Zeile hieß es da: „Mit dem Todedurch Pulver und Blei!" Er schwor, er wolle „ihr" treu sein, sonst möge ihn Gottstrafen „mit dem schrecklichen Tode durch Pulver und Blei"; er wolle „ihr" treu sein„in Feuer und Wasser, bei Tag und bei Nacht, im Krieg und im Frieden, im Sommerund Winter und wenn er „sie" jemals verrathen, oder mit ihren Widersachern unter-handeln wollte, dann möge ihn Gott strafen mit dem schrecklichen Tode." Das warenseine Kriegsartikel und er leistete seinen Eid, so feierlich froh, während die übrigengesenkten Hauptes dastanden und bei jedem Worte erbebten.
Und er zog fort nach fremdem Lande! Als er an ihrem Fenster vorbeikam, daklang das Lied heraus:
„Eh' du wegziehst in die Ferne,
Komm zu mir, ich küß dich gerne" . i l
Und seine kleine Flöte antwortete:
„Laß' mich scheiden, laß' mich gehen,
Sollst mich nimmer wiedersehen;
Laß' mich zieh'n, in fremde Lande,
Nach des Meeres kaltem Strande,
Wo da mächst die Weihrauchbeere,
Küß' dich nimmer nimmermchre."
Und fort ging es mit dem „Feuerivagen" (die rumänische Benennung für Loko-motive) über Berg und Thal; die übrigen Bursche sangen gar kecke, übermüthig-muntereLieder von schönen Fatas, schönen Augen, rothen Wangen, süßen Küssen. ... Er aberwar still und traurig in sich gekehrt, denn er war in dieser zahlreichen Gesellschaftwieder — allein. Was ihn ehedem mit Haß erfüllt, was ihn menschlicher gemacht hatte,woraus er endlich von schönen Augen befreit wurde, es traf ihn wieder; er hatte wiederNiemanden, er" war nach wie vor — allein! Stumm blickte er zum Fenster hinaus;weder lachende Fluren, noch rieselnde Büchlein vermochten den brennenden Schmerz inseiner Seele zu lindern. Ging es über eine Brücke fort, da dachte er bei sich: Vielleichtbrechen die Pfeiler zusammen unter der ungeheuren Last — meines Herzens. ... Ohwie wohlig müßte es sich ruhen da unten im kühlen Wellengrabe!
Doch die Pfeiler brachen nicht zusammen und auch der Zug wollte diesmal nichtentgleisen; er führte Jlissia sammt seinen singenden,- lärmenden Gefährten hinauf indie stolze Residenzstadt Wien , wo die Häuser so groß sind, daß die Gyorgyer Dorfkirchesammt ihrem Thurm unter ihrer Einfahrt aufrecht stehen könnten, ohne sich bücken zumüssen. .. . Er wurde in der Kaserne des Nustpu-Regiments untergebracht („Xu gti" —ich weiß es nicht; „Nustyu"-Regimenter heißen im Wiener Volksmunde die rumänischenRegimenter), wo ihm die Opintschen (Sandalen) abgenommen und die Füße in engeSchnürschuhe gesteckt wurden und wo ihm die schwere Kunst de^ Marschirens und des:„In die Balance!" eingedrillt wurde.
Bald war auch die Rekrutenzeit zu Ende und noch immer mochte es ihm in deygroßen Kaisttstadt nicht behagen. Je größer das Getümmel war, das ihn.umgab, desto