Ausgabe 
(29.9.1880) 26
 
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herber fühlte er seine Einsamkeit. Nur wenn er a«cm und unbeachtet war und auf dasEisenbett ausgestreckt sich die Zeit seines jungen Glückes in's Gedächtniß zurückrufenkonnte, war er mit seinem Schicksal ausgesöhnt. So verstrichen denn drei schwere, sehn-suchtsschwere Jahre. Mit dem'Waffenrocke legte er dann auch den Kummer ab; mansah ihn sogar lächeln das erste Lächeln seit drei Jahren. Frischen Muthes zog erzum Bahnhof, lächelnd bestieg er das Coups und lächelnd schlief er ein. Da hatte ereinen gar wunderlichen, einen häßlichen Traum. Er stand wieder im Walde und bliesdas Lied vom Waisenknaben auf seiner Flöte; und wieder antwortete ein Echo aufseinLied, nur daß es dumpf klang und so geisterhaft-hohl, wie eine Stimme aus dem Grabe.Die alten verwitterten Eichen steckten die Köpfe zusammen und mochten sich gar schreck-hafte Dinge zuflüstern, denn die Pappelbäume, die ängstlich lauschten, schauderten zu-sammen, daß jedes ihrer Blätter erzitterte. Und als er mit beklommener Brust entfliehenwollte, da standen ihm überall riesige häßliche Kröten im Wege, die quakten:Nurituxoxa, murit . . . murit . . . murit!" (Der Pope ist gestorben . . . todt . . . todt. . . gestorben" . . .) Von Entsetzen gelähmt, blieb er stehen; da nahte sich ihm einGreis in ein Todtsngewand aus weißen Linnen gehüllt. Es war der Pope des Dorfes,der Vater seiner Anujka, die er so innig liebte. Und ehe er sich dessen versah, hatteihn der Todte umarmt und Blut floß aus den glanzlosen Augen und die Lippen be-wegten sich, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Da erbarmte sich ein Specht desarmen todten Mannes; er flog dem Jlissia auf den Kopf und schnarrte ihm die Wortein's Ohr:Anujka todt, ärger denn todt" .....

Hellen Angstschweiß auf der Stirne, erwachte er; lächelnd und erleichternd seufzteer auf, als er sah, daß das Ganze ein alberner, böser Traum gewesen. Aber fest nahmer sich vor, nicht wieder einzuschlafen, bis er daheim sein würde. Süße Hoffnung belebtesein Herz; wie voll Neue bekreuzte er sich, als der Zug über die Brücke brauste, beider er sich genau vor drei Jahren den Tod gewünscht! O wie schrecklich muß es seinda unten im kühlen Wellengrabe!

Er kam in die Stadt, welche die letzte Eisenbahn-Station war vor seinem Heimaths-orte. Als er durch die Straßen ging, begegnete er einer fremden und doch wieder sowohlbekannten Frauengestalt in eleganten Kleidern, in putzigem Hute; sie lächelte Jedenan, der ihr begegnete. . . . Das war Anujka sein treuloses, sein ehrloses Liebchen.

Jetzt fühlte er sich erst recht allein und verlassen. Nie mehr sah er seinDorf wieder; er blieb in der Stadt, wo er sie von Weitem täglich sehen konnte. DasGeld, das er sich beim Militär erspart, ging in die Branntweinschänke. Dort saß erden ganzen Tag über, stumm vor sich hinbrütend, in schwere, unheilvolle Gedanken ver-sunken. Das Gift nagt in ihm fort; er wollte vergessen, vergessen, daß er einst gehofft,glücklich zu sein und daß er nun wieder allein sei. Die Seele war ihm zerrissen vomSchmerz, der Körper gebrochen vom Branntwein. Eines Abends faßte er Muth und gingin ihre Wohnung, die er erkundet hatte. Sie schlief. Er nahm die Flöte aus Hollunder-holz hervor und blies den wilden, stürmischen Sang von ehedem. Sie lächelte im Schlafe;sie mochte von den schönen, süßen Tagen der unschuldigen Liebe geträumt haben. . . .Im Halbschlafe erfaßte sie seine Hand, und bedeckte sie mit heißen Küssen; er überstandstumm vor ihr mit brennendem Auge, in das keine Thräne treten wollte. Als aber ihreLippen sich im Traume bewegten und er die Worte hörte:Haben Recht die Mädel imDorfe; nennen Dich immer denIlrsu", da sank er hin zu ihr und bedeckte sie mitKüssen über und über und sagte:Wir wollen einander nun nie mehr verlassen, wirwollen beisammen bleiben für und für . . . ."

Tags darauf fand man die Dirne erwürgt auf ihrem Lager und Jlissia mitzerschmettertem Schädel an dcr Schwelle. Sie wurden in zwei Särge gelegt und neben-einander begraben. <

Nun ist er nicht mehr allein! (Pest. L.)