Ausgabe 
(29.9.1880) 26
 
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milder sternfunkelnder Nacht der magische Silberschein des freundlichen MondgestirnS seineglitzernden Fluthen hereinsendet in die tiefstill daliegenden langen Gänge und die recken-haften Anherren des gräflichen Hauses wie in geisterhaftes Licht taucht, so scheint es demGaste, der zu später Stunde seinem hallenartigen, alterthümlich eingerichteten Gemachezuschreitet und dessen Tritt auf den Steinfliesen des Fußbodens weithin widerhallt, als'belebten sich all' die feinsten und gnädigen Herren im Eisenharnisch und im Tresscnrockund als nickten deren bauschig gekleidete Damen dem plebejischen Fremdling mit dem iganzen Stolze der Burgfrau leichthin zu. . . . Und draußen über den leichten Wellen ^

ruht ein feenhaftes Leuchten und Zittern, wie aus den Tiefen der Wasser heraufschimmernd, !

der Abglanz eines gespenstigen Schatzes, den verschollene Geschlechter oder die Nixen "des Sees darin versenkt haben. . . . Und es schimmert das weiße Gemäuer der zahl-reichen Villen und Gehöfte, welche den See besäumen, der Kirchthürme und kleinenBerghäuschen, halb hinter Busch und Wald verborgen, hirübcr nach Schloß Kammerund nichts stört da den süßen Schlummer der ganzen Natur. Kaum ein übermüthigFischlein plätschert empor aus dem feuchten Element. Fernher durchzittert der jauchzendeJubelruf eines beglückten Burschen, der drüben am Gelände zum Fenster der Liebstenzieht, die Luft. Das Bellen eines wachsamen Hofhundes dringt an unser aufmerksamlauschendes Ohr, in den Zweigen der hundertjährigen Lindenbäume säuselt der wispelndeNachtwind ein traumhaftes Lied, eine Grille zirpt, ein Halm raschelt im hohen Riedgrasder Ufer. ... In weiter Ferne drüben am westlichen Gestade, fast hineingeschnitten indie Wasser, auf sanftem Hügelland sich erhebend, ein lebendig gewordenes Märchen jso steht, getaucht in blendenden Mondglanz und davon umflossen, am Fuße des weit sich !hinziehenden Buchberges das reizende Oertchen Attersee, das dem ganzen Gewässerseinen Namen leiht.

Ob die Zauber der Nacht, die in überreicher Fülle die Gegend in und um Kammerbeherrschen, oder ob das Bild eines sonnenbeglänzten Sommer- oder Herbsttages demAuge mehr Wonne spendet, dem Geiste, dem Sinnen und Träumen, mehr Anregung undGenuß gewährt, wer wollte ein entscheidendes Urtheil darüber abgeben? . . . Einegroße Gesellschaft, unter der leicht begreiflich die Wiener und selbstverständlich die schönenWienerinnen eine tonangebende und erste Rolle spielen, gibt sich in Kammer alljährlich !Rendezvous., Viele weilen monatelang, nicht Wenige die ganze Saison über hier. Baldtheilen da Männlein und Weiblein natürlich, wie sichs nun einmal bei uns geziemt, Ihübsch getrennt von einander mit kräftigem Arm in luftigem, buntem Kleide diekrystallklaren Fluthen; bald promenirt die schwimmfreie Jugend gemeinsam in der herlichen,Jahrhunderte alten Linden-Allee bei den Klängen einer Musik-Capeell. An einer llmiirssssäores von Kammer, recrutirt aus den Hauptstädten Oesterreichs , die auf Tod und Lebenden curgcbrauchenden Blondinen und Brünetten die Cour zu machen beflissen ist, fehltes nicht. Ein gut Theil der Bade-Societät tummelt sich auch draußen auf dem See imschauckelnden Fahrzeug, im Kielboot, im Miniatur-DampferDowe" umher, währenddas graue Alterthum, die ehrsamen Väter, im Spielzimmer des Hotels einen Robbcrwagen, der sich mitunter vom schwarzen Kaffee bis zur Souperstunde hin verbrodelt....

Fürwahr, Jeder kann hier in Kammer nach seiner Facon seine Tage genießen. ^Derjenige, welcher die Unterhaltung des gesellschaftlichen Verkehrs sucht, wird hier nicht '

minder Befriedigung seiner Wünsche finden, als Derjenige, welcher sich etwa in.die Tiefen"seines eigenen Ichs zurückzuziehen geneigt ist. In den stillen Gängen des schattenreichenSchloßparks und an mancher waldigen Stelle der nahen umliegenden Hügelketten wirdihm sein Lieblingsplätzchen entgegenlächeln. Oben auf mäßig ansteigender Höhe steht dasniedliche Oertchen Schörfling mit seinen in den Seitengassen meist charakteristisch ge-bauten Holzhäusern, die mit ihren luftigen, reich mit Epheu und wildem Wein umranktenVeranden und offenen Gängen einen gar gefälligen Anblick bieten. Kaum daß die kleinenFensterchen aus dem dichten üppig wuchernden Laubgrün hervorlugen, in denen sich dannwohl zuiveilen der Blondkopf eines bäuerlichen pausbackigen Bübchens zeigt oder das