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einem großen Sack, der aber kein Loch hat, und Du, Joachim, brmge mir den großenPalmstock, der hinterm Kamin steht."
Dem Befehle wurde entsprochen.
„Und nun gehe ich; Ihr erwartet mich bis 3 Uhr Morgens, sollte ich nicht mehrzurückkehren, so laßt eine heilige Messe für meine arme Seele lesen."
Und damit stieg er raschen Schrittes die Stufen hinab, seinen Söhnen nochmalsnachdrücklich empfehlend, beim Erheben der heiligen Hostie ja nicht zu vergessen, etwaslänger zu läuten.
Hören wir nun was die Legende weiter erzählt:
Wo einst die alte Stadt Breda stand, und zwar an der Stelle, genannt „zumKreuz zu den vier Wegen", war der Eingang zu einem unterirdischen Gange, der sichjedes Jahr nur einmal, nämlich in der Weihnachtsnacht, während des Läutens bei derWandlung in der Mitternachtsmesse, öffnete. Diese Höhle enthielt denn einen unerschöpf-lichen Schatz, reicher als der, den Edmund Dantes, ein paar Jahrhunderte später aufder Insel „Monte-Christo", auf die Anzeige des Abbe Faria hin, finden sollte. Goldund Diamanten waren da in granitenen Urnen angehäuft.
Aus diesen Schätzen hoffte denn Urban Gagnet seinen Sack füllen und noch recht-zeitig aus der Höhle kommen zu können, wenn seine Söhne empfohlenermaßen das Läutenetwas verlängern würden. — Nachdem er rechtzeitig die Stadt verlassen hatte, kam ernoch vor Mitternacht an jenem Kreuzwege an. Die Nacht war finster und kalt, schweresGewölk ward durch den Wind aus Nordosten getrieben und drohte sich in Strömen vonNegen zu entladen. — Aber was waren für Urban die Wolken des Himmels, was Sturmund Negen? — In ihm lebte nur ein Gedanke, nur ein Traum, nur eine Begierde —Gold! — Doch er wußte auch, daß die Personen, die sich bis jetzt in die Höhle hinab-wngten, niemals zurückkamen, und daß dort neben den mit Gold gefüllten Urnen Massenvon Menschenknochen aufgehäuft waren. — Trotz aller dieser Gefahren, die ihmdrohten, fiel ihm doch nicht bei, am Fuße des Kreuzes zu beten und sich Muth undKraft zum Bestehen dieses kecken Unternehmens zu erflehen. Die Lockung des Goldeszerstört im Menschen jedes Gefühl von Frömmigkeit, jeden Gedanken an eine höhereMacht, an Gott ! Denn die Unglücklichen, so Baal dienen, schauen nur auf die Materie,richten aber nie ihre Blicke vertrauend zu dem gestirnten Himmel empor.
So erwartete denn Urban Gagnet die Eröffnung des Ganges mit fieberhafterBegierde. — Die Messe mußte längst begonnen haben; endlich vernahm er das Läutenzur Wandlung und in selbem Augenblicke trat ein Gespenst aus dem, nächst der Straßegelegenen Gehölze; es trug eine Art Dreizack in der Hand, schritt gegen den Eingangder Höhle vor und schlug dreimal an den Felsen, mit Grabesstimme rufend: „Schatz,öffne dich!" In selbem Momente schlug oben aus dein Felsen eine Flamme, die überdas Gestein hcrabzüngelte und der Schlund des Schatzes öffnete sich ein wenig. Urbanstürzte sich rasch gegen die Oeffnung vor, seine Blicke waren geblendet von dem Glänzeder hellcrlcuchteten Grotte; er glaubte nun das Ziel seiner Wünsche, die Verwirklichungseines einzigen Begehrens erreicht zu haben. Eine Treppe von etwa zwanzig Stufen
führte zu dem goldenen Sesam; rasch möglichst war er unten und-eilte sich, seinen Sack
mit den kostbaren Steinen und den Stücken Goldes zu füllen. In wenig Augenblickenhatte er es vollbracht und rasch stieg er mit dieser kostbaren Last die Treppen wiederhinauf; aber bei der letzten Stufe glitt er in seiner Hast aus, er taumelte zurück, derSack fiel ihm von der Schulter und zog ihn wieder in die Tiefe hinab. Ein höllischesGeschrei von Wuth ausstoßend, raffte er den Sack rasch auf und stürmte wie ein Rasendernieder dem Ausgange zu; er hatte ihn noch nicht vollends erreicht, da hörten die Glockenu läuten auf und die Höhle schloß sich.
Soll ich nun die Martern dieses Verdammten schildern, die er in diesem Abgrunde
inmitten dieser Reichthümer zu ertragen hatte? hiezu bedürfte ich der Feder eines Dante
Alighieri , mit der er die Qualen Isgolini's beschrieb — doch versuchen wir es.