Ausgabe 
(2.10.1880) 27
 
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Als Gagnet sich zu einem gewissen Tode verdammt sah, als sich rings um ihntiefe Finsterniß verbreitete, kam ihm kein Gedanke der Ergebung in den göttlichen Willen,

er siel nicht auf die Kniee, Gott um Vergebung zu bitten! Nein, auf den Knieenrutschte er noch ein paar Stufen hinauf, den Mund schäumend vor Wuth, die Händezusammengeballt und aus vollem Halse Flüche und Gotteslästerungen ausstoßend; errannte mit der Stirne in blindem Zorne gegen den Felsen, der den Zugang schloß undstürzte bewußtlos in die Höhle hinab.

Als er seiner Sinne wieder mächtig wurde, wollte er sich vorn Boden erheben,aber vergebens waren seine Bemühungen hiezu; wie ein Reptil kroch er vorwärts, denUrnen entlang, die er so trunken von Begierde mit Gold und kostbaren Steinen gefülltsah, aber vergeblich tastete er herum, den Ausgang zu finden; seine Hände berührtennur Knochen, Felsentrümmer und kleberige Erde sein Wuthgeschrei wiederhallte inden Echo's der Höhle gleich dem Brüllen wilder Thiere. Schmerz, Ermattung, Ver-zweiflung marterten ihn, er kroch noch einige Zeit fort, aber dann versagte ihm alleKraft, die Stimme brach ihm endlich, und damit schweigen die Echo's und Grabesstilleherrschte rings um ihn. Urban Gagnet schloß endlich die Augen, denn wie Bleilegte es sich auf seine Lider er glaubte zu sterben.

So schlief er wunderbarerweise mehr denn ein Monat diesen lethargischen Schlaf,ohne Begriff von Leben, ohne Empfinden, selbst ohne Traum. Sein Körper war imZustande eines Leichnams. Bei seinem endlichen Erwachen wollte er die Augen öffnen,aber vergebens, er vermochte es nicht, er wollte seine Hände bewegen, aber sie warenerstarrt und versagten ihm den Dienst, er fühlte sich nackt, denn er hatte kalt und überseinem in Aufzehrung begriffenen Fleische fühlte er Myriaden von Insekten sich bewegen,über sein Gesicht empfand er das Streifen der Fledermäuse, die zeitweise auch auf seinemKopfe Ruhe suchten und in die Furchen seiner Stirne die kleinen Krallen ihrer Flügelsetzten. Der Unglückliche lag auf dem Rücken in einer Art faulen Schlammes und nurder Kopf allein ruhte auf einem von Moos bedeckten Granitblocke. So verrannenStunden, Tage, .Monate und Urban lebte noch. Im sechsten Monate war seinganzer Körper mit Ausnahme des Gesichtes mit grünlichem Moose bedeckt und in diesemMoose verbergen sich die Eidechsen, auf seiner Brust sammelten sich die Kröten, dieScorpione nisteten unter seinem Kreuze und die Nattern ringelten sich um Arme, Halsund Beine und er lebte immer noch O! wer kann schildern, was in ihm vorging;

er wollte mit den Zähnen knirschen, vermochte aber die ausgetrockneten Lippen nichtzu bewegen wie wäre ihm jetzt der Tod süß und wohlthuend gewesen!

Aber diese Qualen sollten ein volles Jahr dauern.

Nachdem die Söhne Gagnet's, den Vater in der Weihnachtsnacht und dann auchdie Tage und Monate darauf nicht mehr zurückkehren sahen, dachten sie: der Vater wirdwohl in der Höhle von Breda seinen Tod gefunden haben, möge er dort ruhen, wirholen seine Gebeine gewiß nicht von dort! Sie hatten ihr Maurerhandwerk fort-getrieben und überdies auch noch das Todtengräberamt und das Geschäft des Kirchen-läutens statt ihres Vaters übernommen. Lange Zeit sprach man in dem kleinenStädtchen noch von dem räthselhasten Verschwinden Urban Gagnet's, da er aber einwunderlicher und bösartiger Mensch war, so bedauerte ihn Niemand und bald war ervergessen.

So kam die Weihnachtsnacht des Jahres 1557; die Pforte des Schatzes öffnetesich wieder wie im Vorjahre auf die Stimme des Geistes der Ruine; die Höhle warplötzlich erleuchtet und das Gespenst, immer mit dem Dreizack bewaffnet, schlug gegenden Stein, auf welchem das moosig-grüne Haupt Urban Gagncts's ruhte, rufend: ErhebeDich, Erdenmensch, das Probejahr ist um Du wolltest eindringen in die Geheimnissedes Grabes, um irdische Schätze zu erringen Du hast gebüßt nun man wird inZukunft Dich Moos-Urban rufen, denn Dein Körper bleibt bedeckt mit dem Moose derGräber! spute Dich, trete hinaus, ziehe von Hinnen und schlepp' ihn mit Dir, den