Ausgabe 
(2.10.1880) 27
 
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Nacht! doch beim anbrechenden Tage gewahrten die Personen, welche am Kirchhofe vor-übergingen, daß auf dem Stein am linken Pfeiler der Eingangspforte, die Figur desMoos-Urban's in seiner grauenhaften Häßlichkeit eingegraben war.

Dies räthselhafte Steinbild hat sich bis auf die neuere Zeit erhalten und dieKinder fürchteten sich davor und die Mädchen bekreuzigten sich beim Anblick desselben.

Moos-Urban war gleichsam der Kirchhofwächter in neuester Zeit besteht dieserKirchhof nicht mehr und auf mein Befragen, was aus dem Steingebilde des Moos-Urban's geworden, die ich noch vor dreißig Jahren auf seinem Standpunkte sah, undüber die mir der damalige Friedhofwächter, obige nach den Ueberlieferungen erhalteneWundergeschichte erzählte, vermochte mir Niemand mehr Auskunft zu geben.

Die Eifel ,

Wer hätte, im Binnen- und Flachlande geboren, nicht eine unbezähmbare Sehnsuchtgehabt, einmal das Hochgebirge und einmal das unermeßliche Meer zu sehen? Wer ver-gäße den mit nichts anderm mehr zu vergleichenden Eindruck, den beide beim erstenAnblick auf ihn machten? Nach diesen sagte er sich gewiß gibt es nichts Schönesmehr in der Natur. Und doch müßte die Natur arm und müßte noch ärmer das Menschen-gemüth sein, wenn dem in Wirklichkeit so wäre.

Schön, weil anders schon als alles andere; anders als der sanfte Goldspiegel dersüdlichen Meere an sanftem Sommerabend, oder als die tosenden Schrecken der stürmischenNordmeere; anders schön als die Riesen der Hochalpen, auf deren Haupt der Schneedes Greisenalters ruht, während ihnen zu Füssen die Kinder des Lenzes spielen; andersschön als die singende und klingende Heide des reichen Ungarlandes, anders wieder alsdie graue, märchenhaft stumme Ebene des Nordens; anders als die üppigen Gestadeund glänzenden Spiegel der oberitalischen Seeen; and-"-K als die zauberhaft lieblichensagenumklungenen Nebenhügcl der Saar oder des Rh^...^ anders, ganz anders alsalles dies, von allen verschieden, kaum eine einzige Eigenschaft mit ihnen theilend, nichteinmal die der Berühmtheit oder Beliebtheit und doch schön; nur spröde und zurück-haltend, keusch und kalt, dem Manne aber mit dem rechten Herzen zugethan und ihm ewigunvergeßlich ist der Winkel-Erde zwischen Rhein und Sauer, Moosel und Maas, ist dieEifel . Ihr gelte heute mein Rühmen; doppelt weil ich wie manch anderer erst sospät nachdem halb Europa durchlaufen war in ihre Zauber meine Gedanken ver-senkte; Zauber, die vielleicht nicht so lange unbewundert geblieben wären, hätten sie mirnicht von Kind auf so nahe gelegen! Und nun, da ich von manch weiter wilder Wanderungin die stille Heimath wieder eingekehrt, dies zurückgezogene und zurückhaltende Kind flüchtigbegrüßen wollte, ging mir's, wie's so oft hienieden geht: dauernder und erquickenderwurde mit dem einst gar nicht beachteten einfachen Kinde der Freundschaftsbund geschlossen,als jemals mit der anspruchsvollsten sprödesten Schönen in der fremden Ferne, die, schwerund mühsam errungen, bald und leicht verlassen wurde.

. Und wie ich eben die Reize der Holden schildern will, finde ich das fernere Zutreffendes gebrauchten Vergleichs auch in der Schwierigkeit, im Einzelnen zu beschreiben, wasin seiner Vereinigung so zauberhaft auf mich einwirkte. Dennoch sei wenigstens derVersuch zum Preis der Schönen gewagt.

Zunächst war es wohl das zuerst etwas bang beklemmende, mählich aber erleichterndund dann so erhebend wirkende Gefühl der Einsamkeit, des Alleinseins, das mich an demsonnenreichcn Frühlingstag überkam, da ich von Gerolstei» hinaufwandelnd mich einmalwieder umschaute und den Hinabblick ins enge Thal, wo Eisenbahnschienen liegen undhin und wieder eine Locomotive kreischt, verloren hatte. Und nun waren wir allein;die stille, so bescheidene, nirgends aufdringliche Landschaft und ich. Von jeher dachte ichwir, es müsse doch noch weit entsetzlicher sein, nie allein zu sein, als immer allein zuzu sein. Und wie selten leider ist man in unserer lärmenden Zeit allein I Es gibt Land-