Ausgabe 
(2.10.1880) 27
 
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schasten, und die allerschönsten und berühmtesten gehören dazu, so z. B. der Rhein vonBingen bis Bonn vom Dampfschiff aus gesehen, die etwas unendlich Anspruchvolles,Aufdringliches haben. Beim ersten Mal merkt man das nicht so; bei öfterem Besuchaber kann dieser Eindruck sogar unangenehm empfindlich werden. Nichts von alledemhat die Eifel ; sie verbirgt ihre Reize eher allzu züchtig, als daß sie dieselben zur Schautrüge, um zu ihrer Bewunderung zu nöthigen. Da schritt ich durch kleine Wiesenthälchen,die tausendfach gekrümmte Büchlein durchstießen, klomm wieder über eine alte Brückehinweg die Höhe hinan, wo links und rechts die Bauersleute ackerten und über mir dieLerchen auf- und niedersteigend ihre Frühlingshymnen schmetterten. Dann trat ich aufder Höhe in eine junge Buchenschonung oder wand mich auf halbverwachsenem Fußpfaddurch eine Fichtenpstanzung, gesuchte Mühsal gern überwindend und mit den Händenlinks und rechts die stärksten der nadligen Aeste mir vor dem Gesichte wegbiegend,während ich die jüngeren schwächeren gern, wenn auch mitunter unsanft kosend, mir Naseund Backen streicheln ließ! Und wenn ich nun besonnen nachdenke, wie oft, wie tausend-mal schon machte ich solche Wanderung, ohne davon im entferntesten solch Behagen zugenießen! Sonst lagerten eben stets hinter den sanften Wiesen, den halberwachsenenHecken und spitzköpfigen nickenden Fichten die dunkeln weißgipfligen Niesen des Hoch-gebirges oder breitete sich hinter ihnen das herübertosende Meer aus. Und dann standenauf diese die Gedanken und achteten in Erwartung der majestätischen Eltern der lieb-lichen im Vorzimmer spielenden Kinder nicht. Hier aber fühlt nian sich Kind unter denKindern, weil man nicht in den Kleidern steckt, in welchen man den gestrengen ElternBesuche machen könnte. Und des wird man eben froh und immer froher; denn bei denKleinen wird man und fühlt man sich selber Kind und fängt bald an, mitzuspielen.

Wie wohl aber thut das in gereiftcren Jahren!

Bald ist nichts um uns als leichtbewölkter blauer Himmel und scheinbar nur leicht-gewelltes, von wenigen bedeutenden und hervorstehenden Kegeln überragtes Hochland;schwarzer Wald und helle Flur, in kleinen Flächen ewig miteinander abwechselnd wieein Schachbrett für Riesen nur fernher von kahler Höhe winkt, den Horizont scharfmarkirend, ein Kirchlein mit niederm Thurme ins Land herein, Gedanken und Sage derVorzeit weckend.

Und stundenlang lag ich im Schatten dieses Kirchleins hingestreckt, den Blick in denSee, unter mir das Weinfelder Maar, gesenkt und den Spiegel des Himmels in derunergründlichen Tiefe desselben betrachtend. Hier ist so recht der Herzschlag der rauhenabgeschiedenen, nur wenigen zugethanen und von wenigen verstandenen, von diesen abertreugeliebten Gottestochter Eifel .

Steht man hier auf kahler Höhe, so sieht man sowohl neben sich auf der Höheals auch über 100 Fuß, tiefer unter sich in einem zweiten Kessel, bei Schalkenmehrcn,je einen stillen kleinen See: ein Anblick, der in solcher überraschender Unmittelbarkeitnicht ein zweites Mal in Europa sich bieten dürfte. Im Alpengebirge der Nordkarpathenkommt er einigemale, aber mit weit schwächerer Wirkung, vor. So überraschend wiehier kannte ich ihn nicht. Traumhafte Abgeschiedenheit heißt der Grundgedanke diesesso seltsamen Stückes Erde am Weinfelder Maar. Und wenn man wohl vom Meeresagen kann, daß in ihm die Natur zürne, von der Heide, daß sie träume, vom Hoch-gebirge, daß es herrsche hier trauert die Natur, ja, hier weint sie. Und unmittelbartheilt sich diese Stimmung der Trauer dem Beobachter mit, bis er immer mehr in Be-trachtung sich versenkend, allmählich aus der Trauer zu stiller Ruhe, zu süßer Ver-gessenheit geführt wird und -

Hier ist all mein ErdenleidWie ein banger Traum zergangen,

Süße TodesmüdigkeitHielt die Seele mir umfangen.