Ausgabe 
(2.10.1880) 27
 
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Mählich ccher löst sich auch die Seele aus diesem Gefühle der Todesmüdigkeit oderbesser der Lebensvergessenheit und findet höchste Erquickung im stillen Träumen über demschwarzblauen Wasser auf lautloser, kahler, nur von schwacher Waldung umsäumten Höhe.Aus der unerforschten Tiefe des Seees klingt es dann wie ein verrathenes Geheimniß,um dich summt und schwirrt es wie das Rauschen verlorener Sage von kühnen Geschlechtern;und in der blauen Höhe über dem See kreisen als Adler selten und nur von wenigengesehen die Geister der kühnsten Kämpen, die hier einst ihr Leben in wilder Zeitverloren; da noch die rauhen Menschen die Natur am liebsten da aufsuchten, wo sieihnen Schutz und Wehr vor dem Ansturm der Nebenmenschen oder besser denn diesschöne Wort kannte man damals nicht der Gegenmenschen zu bieten schien. Wo diewildesten Thiere zu bestehen waren über den Schiliften der steilen Höhen, da suchten dieMenschen zuerst ihre Wohnung, weil sie hier zur Vertheidigung gegen ihre menschlichenFeinde von der Natur die beste Hilfe hatten. Und bis in die letzten Jahrhunderte hineinhielten sich hier in der Eifel die trotzigsten Geschlechter auf unwirklichen Höhen.

Sie sind dahingeschwunden; meist keinerlei Kunde von sich hinterlassend, als vomPfluge des friedlichen Ackermannes bloßgelegte Mauerreste. Solche Ueberbleibsel findensich hier auf der Höhe zwischen Weinfelder und Schalkenmehrener Maar. Nach ihrerAusdehnung zu schließen, muß einst ein großes Dorf hierselbst gelegen haben, mit Burgund Capelle, Gesindegelaß und Ummaurung gegen anstürmenden Feind. Alles ist ver-schwunden, keine Kunde und keine Spur ist übrig geblieben neben den aufgepflügtenMauerresten, als das Chor des Kirchleins, das die Unbill von mehr als 600 rauhenJahren überdauert haben dürfte, und endlich die Sage im Volk, daß einst wegen Gottes-frevels Herren und Volk auf der Weinfelder Höhe mit Haus und Hof plötzlich in einerNacht ins Maar versunken seien bis auf. das stille Kirchlein, das hier oben geblieben, umdie langen Jahrhunderte hindurch im Umkreise ein stummer Zeuge des geschehenen Frevelsund jäh eingetretener Strafe zu sein. Keine Spinne sogar darf in diesem Kirchlein ihreNetze spannen, Niemand hatte je ein Spinngewebe in demselben gesehen.

Solche Betrachtungen, einmal angeregt, lassen sich nicht so leicht verdrängen; undich wurde diese Gedanken denn auch nicht wieder los, bis ich durch die Junghecken ober-halb des Dauner Maars hindurchgeschritten; mich um den Bergrücken herumgedrehthatte und bei dem freundlichen Pfarrer von Schalkenmehren zu Gast an gemüthlichstiller Tafel saß. Da gabs denn alsbald andere Gespräche, die ihren Stoff aus unsererGegenwart nahmen, den neuentbrannten, uralten Streit des Staates mit der römischenCurie, die wirthschaftliche Aufbesserung der Eifel , die Nothwendigkeit besserer Erziehungder Jugend und die Vorzüglichkeit der Karpfen des Schalkenmehrener Maares und derKartoffeln aus dem dortigen warmen Boden, sowie hundert andere herrliche Sachenbetrafen.

Aber der mit nichts vergleichliche melancholisch-lebensmüde und zu reichsten Refle-xionen über das Leben und dessen Urquellen einladende Anblick der armen und so an-regenden Landschaft um das Weinfelder Maar behauptete seine Rechte auch den folgendenTag hindurch, da ich über Höhen und Thäler, durch kleine Wiesengründe und schattigeWaldungen im Zickzack die Wanderung weiter nahm. Und die seltsame Stimmung wichauch dann noch nicht, als ich zwischen Dämmerung und Nacht die schauerliche Höhe beiCochem Herabstieg, gähnende, gespenstig dunkle Klüfte und zwischengelagerte, mit phan-tastischem Gestrüpp bewachsene, schmalkantige, schwarze Bergrücken, alles im Nebel ver-schwimmend, mir zu Füßen erschaute.'

Gemach stieg ich nieder, und was vordem als lauernd gespenstiges Dräuen zumeinen Füßen lag, das sah ich plötzlich als milde sanfte Umrisse den sternbesäten dunkelnHimmel linienreich im Horizont begränzen. Vergessen indeß will ich, im holdseligenMoselthal in Cochem angelangt, der ursprünglicheren anspruchslosen Eifel nicht, weißich doch jetzt, daß von dieser älteren, reicheren Tochter die jüngere Mosel ihre besteKraft gewinnt, um uns mit Wein und lieblicher Saae der Vorzeit zu laben. Ihr Bestes